Projekt Was macht ein Kamel bei der Kunst auf der Alb?

„Hier gibt’s nichts zu sehen, gehen Sie weiter!“, weist ein Schauspieler die Festivalbesucher an – schon ist Kontakt hergestellt.
„Hier gibt’s nichts zu sehen, gehen Sie weiter!“, weist ein Schauspieler die Festivalbesucher an – schon ist Kontakt hergestellt. © Foto: Funk
Göppingen / Marcus Zecha 23.09.2017

Hannibal hatte einst mit seinen Elefanten, von Karthago kommend, die Alpen überquert, bevor er die römische Armee vernichtend schlug. Ganz so weit kam die Göppinger Dromedardame Sohara 2232 Jahre später nicht. Immerhin hat sie es aber bis zum Nordrand der rauen Schwäbischen Alb geschafft – als Attraktion des Interim-Festivals am Heidengraben bei Grabenstetten. Dort, auf der Albhochfläche, findet noch bis zum 3. Oktober das vom Land unterstützte Kunst- und Kulturprojekt statt, an dem auch das Theater Lindenhof und die Opernfestspiele Heidenheim mitwirken.

Das wichtigste Anliegen von Interim sei es, den jeweiligen Geist eines Ortes zu erforschen, heißt es in einer Pressemitteilung. Dazu muss man in die Antike zurückgehen. Am Heidengraben wird die größte keltische Ansiedlung in Europa vermutet.

Doch was hatten die Kelten mit Dromedaren zu tun? Und wie standen sie zum Trampeltier als solchem? Fragen, die auch die Festivalmacher nicht so einfach beantworten können. Für sie ist Sohara zunächst mal Mittel zum Zweck: Bei Interim sollen unterschiedliche „Gewerke“ von Bildender Kunst über Musik und Theater bis zur Architektur in einen Dialog treten. Hierfür sollen das Umfeld und dessen Bewohner aktiv eingebunden werden. Theaterautorin Susanne Hinkelbein hat zusammen mit den Künstlern ihre Texte entwickelt. Sie legt sozusagen Köder aus, um die Menschen an die Kunst „ran zu holen“.

Und da kommt die Göppinger Kameldame ins Spiel. Die prächtige Stute ist für die Festivalmacher nämlich das ideale Lockmittel. Bereits im Mai haben die Festivalmacher beim Göppinger Tierpark wegen eines Kamels angefragt. Heiko Eger, Vorsitzender des Vereins, war zunächst skeptisch. „Was hat das mit Kunst zu tun?“, fragte er sich. Dennoch versprach er, es mit der Stute Sohara zu probieren. Zuvor wurde diese aber erstmal ein paar Mal in den Stauferpark gefahren und ausgeladen, damit sie sich an den Pferdehänger gewöhnen konnte. Am Eröffnungswochenende wurde Sohara dann auf die Alb gefahren und in ein kleines Gehege auf offenem Feld gestellt. Mit viel gutem Futter – Karotten, Äpfel, Brot und Haselnusszweige – ließ sie sich schnell beruhigen. Und bei der Abend-Performance zog sie tatsächlich viele Besucher an, die auch gleich in einen Dialog mit einem Schauspieler verwickelt wurden. Inzwischen haben Sohara und das Festival Halbzeit: Vier Mal schon hat sie sich für die schönen Künste in Positur gestellt und dadurch viel schauspielerische Routine gewonnen.

Übrigens: Im Gegensatz zu Soharas Albtrip nahm der Ausflug von Hannibals Dickhäutern kein gutes Ende. Die Elefanten einer inzwischen ausgestorbenen nordafrikanischen Art überstanden zwar die mühevolle 16-tägige Alpenüberquerung, nicht aber den folgenden Winter. Alle 37 Exemplare starben. Ähnliches hat die Dromedarstute Sohara in ihrem behüteten Zuhause im Göppinger Tierpark nicht zu befürchten. Und zuvor kann sie sich bis zum Festivalende noch vier Mal weidlich in der Aufmerksamkeit der Festivalbesucher sonnen.

Marcus Zecha

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