Absage Waldorfschule in Erklärungsnot

Der richtige Referent für Projekttage an einer Schule? Ken Jebsen warnt bei öffentlichen "Mahnwachen für den Frieden" und in seinen Videos auf You Tube pauschal vor Medien und fordert zum Wahlboykott auf.
Der richtige Referent für Projekttage an einer Schule? Ken Jebsen warnt bei öffentlichen "Mahnwachen für den Frieden" und in seinen Videos auf You Tube pauschal vor Medien und fordert zum Wahlboykott auf. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / HELGE THIELE 08.07.2015
Ein von der SMV der Waldorfschule in Faurndau geplanter Auftritt des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen im Rahmen der Projekttage ist am Dienstag abgesagt worden. Die Schulleitung hat Fehler eingeräumt. Mit einem Kommentar von Helge Thiele.

Er redet wie ein Wasserfall, schimpft auf Politiker aller Parteien, empfiehlt den Menschen, bei Wahlen "nicht mehr hin zu gehen". Statt für die Demokratie wirbt er für "mehr Anarchie", mit schwerem Wortgeschütz kämpft er gegen den von ihm auserkorenen schlimmsten Feind: die angeblich gleichgeschalteten und von Geheimdiensten unterwanderten Medien, die nicht die Wahrheit berichteten. Sein Name ist Ken Jebsen, ein auf der vor allem bei Jugendlichen beliebten Internet-Plattform You Tube stark präsenter Verschwörungstheoretiker. Nicht nur über den Anschlag auf das World-Trade-Center am 11. September 2001 behauptet Jebsen, dieser sei von der amerikanischen Regierung inszeniert worden. In seinen zahllosen Videos lässt Jebsen auch gerne andere Verschwörungstheoretiker zu Wort kommen. Bei antiamerikanisch und israelfeindlich geprägten "Mahnwachen für den Frieden" wettert der 48-Jährige gegen Zeitungen und vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien, denen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise eine Hetzkampagne gegen Putin und Russland vorgeworfen wird. An den Treffen werden immer wieder auch Rechte und sogenannte "Neurechte" sowie Esoteriker, die an Chemtrails glauben, teil.

Entsprechend groß war die Verwunderung darüber, dass die Schülermitverwaltung (SMV) der Freien Waldorfschule Filstal ausgerechnet Jebsen als Referenten zum Thema Medien für die Projekttage der Schule ausgesucht hatte. Ende 2011 war Jebsen vom Sender Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) als Moderator entlassen worden. Zuvor hatte man ihm antisemitische Äußerungen vorgeworfen. Ein Leser, der auf die geplante Veranstaltung mit ihm aufmerksam geworden war, schrieb der NWZ am Montag: "Er gibt vor, ein seriöser Journalist zu sein, der gefeuert wurde, weil er die Wahrheit spricht. Das macht Eindruck, auch auf die Schüler der Waldorfschule - mit 16 Jahren kann man es ihnen nicht verdenken."

Mit dem Ansinnen, Jebsen, der früher selbst Waldorfschüler war, im Schulgebäude zu Wort kommen zu lassen, waren die Schüler beim Kollegium und bei Geschäftsführer Axel Dittus jedoch abgeblitzt. Ein SMV-Mitglied klopfte daraufhin bei der Stadtverwaltung Uhingen an und blockte für den Vormittag des 20. Juli einen Saal im Uditorium.

Auf einem in der Schule verteilten "Info-Flyer für Schüler und Dozenten" ist zu lesen, wie sich die SMV den Ablauf vorstellte: In der Pause ab 10.30 Uhr sollten die Schüler mit dem Zug nach Uhingen fahren, um dort Jebsens Vortrag zu besuchen - "auf freiwilliger Basis", wie ein SMV-Mitglied am Dienstag sagte.

Dazu wird es nicht kommen. Uhingens Bürgermeister Matthias Wittlinger bestätigte auf Anfrage, dass der reservierte Termin Dienstagmittag abgesagt worden sei - nach Informationen unserer Zeitung durch denselben Schüler, der den Saal vorbestellt hatte. Wittlinger reagierte erleichtert: "Ich bin froh, dass der Veranstalter die Anfrage zurückgezogen hat."

Für die Waldorfschule ist das Thema damit aber nicht beendet. Axel Dittus fand am Dienstag deutliche Worte: "Ich distanziere mich als Geschäftsführer von Ken Jebsens Gedankengut. Das passt nicht zum Geist unserer Schule", sagte er. Er fühle sich von einzelnen Schülern "übers Ohr gehauen" und kündigte an, den Vorfall mit dem Kollegium aufzuarbeiten. Dittus räumte aber auch Fehler der Schule ein. "Da ist etwas an uns vorbei gegangen. Wir sind erst am Wochenende wach geworden." Der Geschäftsführer versicherte, dass für den geplanten Auftritt Jebsens in Uhingen auf keinen Fall Finanzmittel der Schule geflossen wären. Eltern müssen an der anthroposophischen Bildungseinrichtung Schulgeld zahlen.

Der Gesprächsbedarf ist groß - zumal weiterer Ärger droht. Denn einer der Referenten, die zu den Projekttagen in die Schule kommen sollen, stößt ins gleiche Horn wie Jebsen. Es ist der umstrittene österreichische Rapper Kilez More, der sich selbst als "Systemfeind" bezeichnet und wie Jebsen pauschal Medien in Deutschland in Misskredit bringt. In Faurndau spricht Kilez More vor Schülern der Klassen 9 bis 12 über das Thema Pressefreiheit.

Nach Dittus' Angaben wurde die Organisation der Projekttage, zu denen auch eine Podiumsdiskussion zum Thema TTIP gehört, von einem Lehrer begleitet. Dessen Rolle soll nun hinterfragt werden. Dass die Auswahl einiger Referenten nicht die Alarmglocken schrillen ließen, liegt womöglich daran, dass das Zerrbild der angeblich manipulierten Medien und die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien an der Schule verbreiteter ist, als manche Eltern - und Lehrer - bisher glaubten. In den sozialen Medien fällt einer der Pädagogen mit besonderen Sympathiebekundungen auf: für Beiträge von Ken Jebsen und Daniele Ganser, einem weiteren Experten in Sachen Verschwörung.

Wer zu den "Mahnwachen für den Frieden" kommt und warum Ken Jebsen im Institut Eckwälden auftreten sollte

Systemgegner Bei den "Mahnwachen für den Frieden" - nicht zu verwechseln mit den Pegida-Demonstrationen - versammeln sich sehr unterschiedliche Systemgegner. Kritik geäußert wird vor allem an der Außenpolitik der USA sowie der "Kriegshetze der Medien" gegen Russland im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt. Schuld sei das Zinssystem. Lars Mährholz, ein ehemaliger Berufsfallschirmspringer, hatte im März 2014 die erste "Mahnwache" am Brandenburger Tor angemeldet. Die Organisatoren sehen sich in der Tradition der Montagsdemos 1989 und 1990 in der DDR und der Friedensbewegung. Der Rechtspopulismus-Experte Alexander Häusler sieht in der Zinskritik und dem Antiamerikanismus der Protestler typische rechte Verschwörungstheorien.

Auch im Institut Eckwälden sollte Ken Jebsen auftreten
Absage Nicht nur im Rahmen der Projekttage der Freien Waldorfschule Filstal sollte Ken Jebsen am 20. Juli einen "Vortrag halten. Am selben Tag war für den Abend ein weiterer Auftritt Jebsens vorgesehen - im Institut Eckwälden. Der Leiter der anthroposophischen Einrichtung, Edzard Götz, erklärte auf Nachfrage, dass der Vortrag aus dem Umfeld der Waldorfschule wieder abgesagt worden sei. In Eckwälden sollte der wegen radikaler Äußerungen und Ansichten umstrittene Jebsen zum Thema "Krieg und Frieden" sprechen. Das Heil- und Erziehungsinstitut für Kinder und Jugendliche habe nicht eingeladen, sondern die Räume angeboten. Jebsen sei "manchmal provokant und manchmal wütend", sagte Götz. Er habe in den Videos aber "nichts Merkwürdiges" gefunden.

Ein Kommentar von Helge Thiele: Gefährlicher Irrweg

Die Schüler der Waldorfschule in Faurndau können einem schon leid tun. Da stellen sie mit viel Engagement und Einsatz ein umfangreiches Programm für die am 20. Juli beginnenden Projekttage auf die Beine - und müssen doch einsehen, dass sie zum Teil auf einem gefährlichen Irrweg unterwegs waren. Wer einen rhetorisch so beschlagenen wie umstrittenen Verschwörungstheoretiker wie Ken Jebsen mit seinen düsteren Unterstellungen, populistischen Anschuldigungen und kruden Pauschalurteilen gegen Medien in ein Schulprojekt einbinden will, läuft Gefahr, das gesamte Projekt zu entwerten. Medien machen - wie die Menschen, die dort arbeiten - nicht immer alles richtig: Doch Jugendliche, die sich gerade politisch sozialisieren und orientieren, sollten nicht dadurch überfordert werden, dass sie ausgerechnet an der Schule in eine thematische Einbahnstraße geschickt werden. Dafür tragen die Lehrer - und eine funktionierende Schulleitung? - die Verantwortung. Die Vorgänge in Faurndau lassen einem geradezu die Haare zu Berge stehen. Die Schulgemeinschaft wird sich fragen müssen, ob es sich beim aktuellen Versagen in der Begleitung der Projekttage um einen pädagogischen Betriebsunfall handelte oder ob Verschwörungstheorien und anderem geistigen Wirrwarr in Faurndau nicht entschieden und aufklärerisch genug entgegengetreten wird. Letzteres wäre fatal, denn die Leidtragenden sind immer die Kinder.

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