Serie Waffe im Kampf gegen Randalierer (9)

Göppingen / SUSANN SCHÖNFELDER 19.01.2017

Der dunkelblaue Koloss biegt um die Ecke. Schon das bloße Erscheinen flößt Respekt ein: fast zehn Meter lang, etwa drei Meter breit und nahezu vier Meter hoch ist das Ungetüm. Es bringt etwa 31 Tonnen auf die Waage und ist ein Schluckspecht, wie er im Buche steht: 10.000 Liter fasst der Tank des Wasserwerfers der neuesten Generation. Die modernen Spezialfahrzeuge der Polizei heißen „WaWe 10“ und sind bei der Bereitschaftspolizeidirektion in Bruchsal stationiert, die zum Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen gehört. In Baden-Württemberg gibt es aktuell zwei dieser neuen Wasserwerfer, die bei Gefahrenlagen und Demonstrationen, aber auch beim Katastrophenschutz im ganzen Land unterwegs sind.

An diesem Tag sind die Nassmacher lediglich zu Demonstrationszwecken auf dem Polizeigelände in Bruchsal unterwegs. Die Spritztour beginnt harmlos – wie bei echten Einsätzen. Das heißt, die beiden Wasserwerfer fahren lediglich vor, sind noch weit weg, aber in Sichtweite. Schon allein das reiche oft aus, um eine Situa­tion zu befrieden, sagt Steffen Hildebrand, kommissarischer Leiter der Führungsgruppe. „Es gibt ein Konzept mit verschiedenen Einsatzformen“, erklärt Volker Erlewein, Leiter der Bereitschaftspolizeidirektion Bruchsal.  Bis es heißt „volles Rohr“ und bis es wirklich weh tut, dauere es sehr lange. „Für uns ist der Wasserstoß die ultima ratio, da muss es um Lebensgefahr gehen“, betont der Leitende Polizeidirektor. „Wir wollen niemanden gefährden oder verletzen.“

Erlewein und seine Kollegen gehen behutsam mit diesem Thema um. Am „Schwarzen Donnerstag“ im September 2010 wurden bei der Räumung des Stuttgarter Schlossplatzes mehr als 100 Menschen verletzt – S-21-Gegner und Polizisten. Das Verwaltungsgericht hatte im Dezember 2015 geurteilt, dass dieser Polizeieinsatz rechtswidrig gewesen war. Der Fall sei aufgearbeitet und nicht vergessen. „Wir haben uns angeschaut: was lief gut und was nicht“, sagt der Chef in Bruchsal. Tatsache ist: Der Wasserwerfer ist ein Hilfsmittel der körperlichen Gewalt. Und da die Einsätze für Polizisten immer härter und immer mehr Beamte durch fliegende Pflastersteine, Flaschen oder Pyrotechnik verletzt würden, komme man manchmal nicht umhin, bei einem solchen Gewaltpotenzial auch Wasserwerfer einzusetzen. „Es geht immer um eine Verhältnismäßigkeitsprüfung“, unterstreicht Hildebrand. Letztlich entscheide der Kommandant, welche der neun Einsatzformen notwendig ist, um eine Situation mit gewaltbereiten Störern in den Griff zu bekommen.

Neun Stufen möglich

Bei der Vorführung in Bruchsal hat Polizeihauptkommissar Roger Polzin das Kommando. Über Funk gibt er die Anweisung, sich dem „Geschehen“ zu nähern. Der dunkelblaue Koloss zeigt sich frontal den „Demonstranten“, in Stufe drei wird er noch etwas bedrohlicher: Die beiden vorderen Wasserrohre werden nach vorne gedreht, die Scheinwerfer gehen an, Blaulicht zuckt über das große, nebelverhangene Gelände. Im nächsten Schritt spricht Polzin die „Störer“ über einen Lautsprecher direkt an und droht mit einem Einsatz, wenn sie nicht sofort die Wiese räumen. Nichts bewegt sich. Und nun, in Stufe fünf, heißt es: Wasser marsch, aber noch sehr wenig. In einem weiteren Schritt gibt es eine Dusche von oben, die siebte Stufe durchnässt Randalierer mit auf den Boden gerichteten Wasserstrahlen. Reicht das noch immer nicht aus, kann der „WaWe 10“ die Menschenmenge mit einem Wasserfalleffekt auseinandertreiben. Die letzte Option ist der konzentrierte Wasserstoß, „hier ist dann Verletzungsgefahr gegeben“, räumt Steffen Hildebrand ein. „Doch normalerweise können alle Lagen mit den Stufen sieben und acht bewältigt werden. Und der Strahl wird nicht gegen den Kopf gerichtet.“

Volker Erlewein nennt den modernen Wasserwerfer „einen sanften Riesen, der auch Zähne zeigen kann“. Sanft deshalb, weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger eine weitaus ausgefeiltere Technik hat, die es erlaubt, Druck und Auffächerung des Wassers und damit den Härtegrad flexibel zu steuern. Möglich sind bis zu 20 Bar, in der Praxis gehe man aber nicht über 16 Bar hinaus, betont Erlewein. Bis zu 65 Meter weit kann der „WaWe 10“ seine Ladung „schießen“, und zwar rundherum bei 360 Grad.

Fünf Personen im Fahrzeug

Das haben auch die Zuschauer der Vorführung erfahren. Auch wenn sie bei eisigem Frost natürlich niemand direkt unter die „Dusche“ gestellt hat, ist auch der nasse Wassernebel, der regelrecht durch die Jacke kriecht, unangenehm. Die Fahrt im Cockpit ist daher eine willkommene Gelegenheit, sich aufzuwärmen. Die Besatzung besteht aus fünf Beamten: dem Kommandanten, einem Beobachter, der die ganze Szenerie dokumentiert und videographiert, dem Fahrer und zwei Kollegen, die die Strahlrohre über Joysticks bedienen. Rund um den „WaWe 10“ sind Kameras angebracht. Über Monitore kann so die Besatzung verfolgen, was rund ums Fahrzeug passiert. „Im Einsatz kann auch aufgezeichnet werden, was in der Kabine des Wasserwerfers gesprochen wird“, sagt Volker Erlewein. Im Falle eines Falles gebe es dann eine lückenlose Beweissicherung.

Heute haben die beiden dunkelblauen Kolosse ihren Dienst getan und nehmen Kurs auf die Garage. Wann sie wieder gebraucht werden, ist ungewiss: Im vergangenen Jahr hatten die Spezialfahrzeuge der Landespolizei eine Handvoll Einsätze. Trotzdem brauche man zwei dieser jeweils rund eine Million Euro teuren Wasserwerfer, weil man sonst keine Staffel bilden könne, erklärt der kommissarische Leiter der Führungsgruppe. Die Riesen helfen aber auch in anderen Bundesländern aus. Die beiden dunkel­blauen Schluckspechte „trinken“ aber nur Wasser. Reizstoff wie Tränengas wird in Baden-Württemberg nicht eingesetzt.

Der „Schwarze Donnerstag“

100 Verletzte: Der Einsatz der Wasserwerfer ist seit dem 30. September 2010 sehr umstritten. An jenem „Schwarzen Donnerstag“ wurden bei der Räumung des Stuttgarter Schlossgartens weit mehr als 100 Menschen – Stuttgart-21-Gegner und Polizisten – zum Teil schwer verletzt. Die Bilder von Dietrich Wagner, der – mehrfach vom Wasserwerfer getroffen – mit blutenden Augen weggetragen werden musste und heute beinahe blind ist, gingen um die Welt. Vor knapp vier Monaten, am sechsten Jahrestag des Einsatzes, erinnerten Demonstranten an dieses Ereignis. Sie beklagten, dass die Verletzten bis heute auf Entschädigungen warten. Diese hatte man ihnen versprochen, nachdem das Verwaltungsgericht im Dezember 2015 den Polizeieinsatz im Jahr 2010 als rechtswidrig erklärt hatte.

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