Historie Vortrag: Auf Klimakapriolen folgte der Hunger

Göppingen / Margit Haas 12.04.2018

Dörfer wurden aufgegeben, Menschen wanderten ab – die Hungerjahre im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts hatten verheerende Auswirkungen. Ursache waren Klimaschwankungen, eine „kleine Eiszeit“, die einer hochmittelalterlichen Warmphase folgte. Dr. Christian Jörg von der Universität Heidelberg hat die Folgen dieser Klimaextreme in Schwaben zum Ende des Mittelalters untersucht.

Auf Einladung des Göppinger Geschichts- und Altertumsvereines beleuchtete Jörg im Stadtmuseum Storchen unter anderem die Frage, wie die Städte mit dem Mangel an Brotgetreide, dem Hauptnahrungsmittel, umgingen. Gut 200 Kilogramm pro Jahr waren nötig, um einen Erwachsenen ausreichend zu ernähren. „Die Städte bekämpften akute Krisen, agierten aber nicht nachhaltig“, stellte der Historiker fest. Zwar wurden große städtische Kornspeicher gebaut. Ein schönes Beispiel ist der Alte Bau in Geislingen, das damals zur Freien Reichsstadt Ulm gehörte. „Diese Lagerhäuser waren Dokumente der Fürsorge“, so Dr. Jörg. Freilich – meist standen sie leer. „Dass in diesen Prestigeobjekten nichts drin war, wusste die Bevölkerung nicht.“ Denn „die Kosten für die Lagerung waren hoch“. Die sparten sich die Reichsstädte und Landesherren. „Die Kriseninterventionspolitik unterschied sich nicht von der heutigen, es war eine knallharte Kosten-Nutzen-Politik.“ Durch große Speicher hatten die Städte aber „uneingeschränkten Zugriff auf die Versorgung der Bevölkerung“. Sie konnten Ausfuhrverbote erlassen oder selbst als Getreide-Aufkäufer auftreten. Augsburg etwa kaufte Getreide in Wien, das über die Donau verschifft wurde. Basel trat als Aufkäufer bis nach Frankfurt auf.

Verantwortlich fühlten sich die Reichsstädte – bei ihnen ist die Quellenlage besonders gut – nur für ihre eigenen Bürger. Sie regelten etwa das Bettlerwesen ganz neu. Während die Bettler Teil der mittelalterlichen Stadtgesellschaft waren, wurden sie jetzt als Schmarotzer betrachtet, und es wurde genau geregelt, wer betteln durfte. Tatsächlich konnten aber etwa 40 Prozent der Stadtbevölkerung die infolge von mehreren kalten und langen Wintern extrem gestiegenen Kornpreise gar nicht mehr bezahlen. Die Armen wurden dann vom Rat der Stadt mit kostenlosem Brot versorgt – mit Brot, das aus in den Speichern verdorbenem Korn gebacken worden war. Margit Haas

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel