Geislingen an der Steige Von der Unsitte des Spanferkelgrillens

Bereits 1912 in der Uracher Straße in Geislingen geborgen: bronzene Holarmringe als Grabbeigaben einer vermögenden Dame. Foto: Markus Sontheimer
Bereits 1912 in der Uracher Straße in Geislingen geborgen: bronzene Holarmringe als Grabbeigaben einer vermögenden Dame. Foto: Markus Sontheimer
Geislingen an der Steige / REINHARD RADEMACHER 08.02.2014
Die Ausstellung "Überraschend. Alt" zeigt noch bis 19. Februar im Wappensaal des Geislinger Albwerkes Zeugnisse aus 75 000 Jahren Heimatgeschichte. In einer kleine Serie stellen wir Exponate vor.

Um die Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts kam es in West- und Mitteleuropa zu gravierenden wirtschaftlichen und somit auch zu gesellschaftlichen Veränderungen im Gefüge der keltischen Kultur. Nach einem Fundort am Neuenburger See in der Schweiz wird die nun einsetzende spätkeltische Kulturentwicklung Latènezeit genannt.

Im Landkreis Göppingen kennen wir aus der frühen Keltenzeit des 8. bis 6. Jahrhunderts v. Chr. zwei reich ausgestattete Frauengräber in Grabhügeln bei Bartenbach und bei Hohenstadt.

Mit der beginnenden Latènezeit gab es dann einen grundlegenden Wandel im Bestattungsbrauchtum. Nach der Verbrennung der Toten auf dem Scheiterhaufen begrub man die sterblichen Überreste auf kleinen Flachgräberfriedhöfen. Waffen, Schmuck und Trachtbestandteile der Verstorbenen wurden auch weiterhin in den Gräbern deponiert. In Geislingen hat Albert Kley 1963 in der Keplerstraße das Brandgrab eines Kriegers mit seiner Waffenausstattung geborgen.

Bereits 1912 kamen in der Uracher Straße drei Flachgräber zutage, in denen man die Verstorbenen jedoch noch unverbrannt beigesetzt hatte. In einem dieser Gräber lagen die sterblichen Überreste eine sicher nicht ganz unvermögende Dame, die zwei bronzene Holarmringe trug. Das Besondere an diesen beiden Schmuckstücken ist die Herstellung aus glattem Bronzeblech. Auf die Stöpselverschlüsse sind zur Verstärkung jeweils die Ringenden verziertende Muffen aufgeschoben. Die beiden Armringe gelangten in das Landesmuseum Württemberg und sind für kurze Zeit als Leihgaben in der Ausstellung im Mühlengebäude des Albwerks zu sehen.

Einzelne schriftliche Zeugnisse zu keltischen Frauen stammen aus der Feder griechischer und römischer Schriftsteller. Sie preisen übereinstimmend deren Schönheit, Größe, Kraft und Mut. Der Beschreibung von Tanz und offenbar auch sexuellen Freizügigkeit steht der "furor heroicus" der Keltinnen gegenüber. In "heldenhaftem Wahnsinn" sollen sie sich, groß wie Männer, mit blitzenden Augen und gebleckten Zähnen in die Schlacht gestürzt haben!

Im Geislinger Talkessel mit seinen vielen Wasserläufen konnten bei Bauarbeiten seit Jahrzehnten immer wieder Spuren früh- und spätkeltischer Siedlungsplätze lokalisiert werden. Einzelhöfe und kleinere Dörfer mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden prägten die Landschaft. Neu in der Tierhaltung war das Haushuhn. Wie die Archäologen durch die Freilegung von Hofanlagen bei Gingen wissen, hatten die spätkeltischen Bewohner des Filstals wenig Lust auf Wildschwein am Spieß.

Man bevorzugte offensichtlich ein viel bequemeres Rezept, das auch heute noch geschätzt und vor allem bei Festen umgesetzt wird - nämlich das Grillen von Spanferkeln. Obelix würde dazu sagen: "Asterix, die spinnen ja, diese Filstäler!".

Info Ausstellungsdauer: bis 19. Februar; Öffnungszeiten: Di bis Fr 14 bis 17 Uhr, Sa und So 10 bis 17 Uhr. Vortrag begleitend zur Ausstellung: Am Donnerstag, 13. Februar spricht Dr. Aline Kottmann ab 19.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Geislingen zum Thema: Stadtkernarchäologie total - Ulmer Geschichte aus 40 000 Quadatmetern Grabungsfläche.