Von der Flak zur Großklinik Die wechselvolle Geschichte des

SWP 16.06.2012

Das heutige Gelände der Bereitschaftspolizei in Holzheim hat eine bewegte Geschichte. Unter den Nationalsozialisten war hier eine Flak-Garnison stationiert, nach 1945 wurden dort die Göppinger Zentralkliniken untergebracht, die in den fünfziger Jahren der Bereitschaftspolizei weichen mussten.

Von Hans-Jörg Kachelmuß

Die Göppinger Zeitung schreibt im Jahre 1937: Unsere Stadt hat nun nach dem schon bestehenden Fliegerhorst eine Flak-Garnison, die im Rahmen eines groß angelegten Festprogrammes mit Paraden, Festreden, einem Zapfenstreich und mit einer Besichtigung für die Öffentlichkeit den Bürgern der Stadt und Umgebung vorgestellt wurde.

Bereits im Jahre 1935 führten Grundstücksverhandlungen der Luftwaffe mit der Stadt Göppingen und Holzheim kurze Zeit danach zur Errichtung des Kasernenareals auf dem Gelände der "Alm", dem heutigen Rigi, und nach den Worten des damaligen Stadtoberhauptes Dr. Pack sei die nun anwesende Abteilung der Flak -eine ursprünglich im 1. Weltkrieg entwickelte Waffe mit Flugabwehrkanonen - freudig willkommen.

Im Laufe der folgenden Jahre waren die Flak-Soldaten zum festen Bestandteil des Holzheimer Gemeindelebens geworden. So lud die kleine Garnison zu einem groß aufgezogenen Manöverball im Gasthaus "Hasen" in der Eislinger Straße oder einfach zum Tanz mit ihrem Musikkorps in die Turnhalle ein und so mancher Soldat verführte die einheimischen Mädchen mit einem flotten Walzer. Auch bei den jährlich für 50 Pfennig stattfindenden markenfreien Eintopfessen mit Erbsen und Speck herrschte in den Speisesälen um die Mittagszeit großer Andrang der Bevölkerung.

Zuerst als II. leichte Abteilung des Ludwigsburger Regimentes 25 eingerichtet, schied die Göppinger Abteilung aus dem Flakregiment 25 Monate später aus, um im Herbst 1938 unter Major Krämer mit der Abteilung 85 selbstständig zu werden. Die Abteilung war auf 24 Offiziere, 109 Unteroffiziere und 621 Soldaten angewachsen. Freiwillige der Göppinger Flak wurden mit der "Legion Condor" im Spanischen Bürgerkrieg und beim Einmarsch in die Tschechoslowakei eingesetzt. Im Rahmen der Mobilmachung formierten sich die Abteilung 85 und eingezogene Reservisten zur leichten Flakabteilung 851.

Das unrühmliche Ende fanden dann viele der Holzheimer ehemaligen Flak-Angehörigen im Zweiten Weltkrieg mit Tod oder Gefangenschaft in der Schlacht um Stalingrad 1942/43, in Russland, Polen und Frankreich. In die verwaiste Göppinger Unterkunft zogen danach in den letzten Kriegsjahren die Luftkriegsschule 8 für den Offiziersnachwuchs der Luftwaffe ein.

Nach Ende des Krieges übernahmen im April 1945 die amerikanischen Streitkräfte die Kasernenanlage für ihre Zwecke. Da ihre Panzer für die vorhandenen Garagen zu groß waren, blieben die Gebäude zunächst leer. Es war dann im Mai, als die Amerikaner in der ehemaligen Flakkaserne das Kriegsgefangenenlazarett Nr. 5 für verwundete deutsche Soldaten einrichteten.

Das POW-Lazarett ("Prisoner of War") Holzheim entwickelte sich danach zu einer kleinen umzäunten, von der Besatzungsarmee bewachten Stadt mit vielen ärztlichen Spezialstationen, es avancierte zu einem der beiden größten Hospitäler für Kriegsgefangene in der gesamten US-Besatzungszone.

In kurzer Zeit wurden damals aus der gesamten Umgebung verletzte deutsche Soldaten in allen möglichen Räumen der Kaserne untergebracht, die Zahl der Bedürftigen stieg mittlerweile auf 10 000 Personen und führte zu großen Engpässen in der Belegung. Der sich nun PW-Hospital 716 nennende Betrieb war gleichzeitig ein Entlassungslazarett und Durchgangsstation von monatlich bis zu 3000 Gefangenen, die in ihre Heimat entlassen wurden.

Der allgemeine Mangel an Nahrungsmitteln, fehlender Wohnraum sowie aufkommende Krankheiten im ersten Nachkriegsjahr führten nach einem Bericht des Deutschen Roten Kreuzes zu einer hohen Sterblichkeitsrate, es herrsche Tuberkulose (TBC) und Unterernährung bei den Insassen, die auf schlechte und zu geringe Verpflegung, hauptsächlich auf fehlendes Brot, zurück zu führen sei. Viele der Kranken seien unter 20, der jüngste nicht mal siebzehn Jahre alt.

Zu Beginn des Monats März 1946 lösten die Besatzungsmächte nach Recherchen des pensionierten Polizeihauptkommissars Manfred Luipold das PW-Hospital teilweise auf und übergaben den nördlichen Teil der Anlage mit dem Holzheimer Tor den Zivilbehörden, die den größten Teil der Kriegsgefangenen zu anderweitigen Pflegeeinrichtungen entlassen konnten. Die neue Krankenanstalt nannte sich nun Landesversehrtenkrankenhaus und übernahm heimgekehrte Kriegsgefangene, kranke Wehrmachtsangehörige sowie Kriegsbeschädigte.

So liest man in der NWZ auch, dass hier im Herbst 1946 ein erstes Versehrtensportfest mit Leichtathletik- und Schwimmveranstaltungen mit Amputierten stattfand. Auch wurden zwei Fußballspiele zwischen dem SC Geislingen und dem Lazarett 716 der Kriegsgefangenen mit einigen früheren Gauligaspielern ausgetragen.

In den Herbsttagen wird ebenfalls über die Einrichtung eines kurzfristig an die Krankenanstalt angegliederten Altersheimes für gebrechliche Einheimische und Vertriebene, die zuerst als Kranke angekommen und in der Folgezeit als hilflose Alte geblieben sind, berichtet. Ehe dieses im Jahre 1949, damals zu den Zentralkliniken gehörende Heim, in aller Stille auf höhere Anordnung hin wieder aufgelöst wurde. Die Unterbringung in Sälen bis zu 20 Personen sei unmenschlich gewesen, die Insassen wurden daraufhin in ein Heim außerhalb des Kreises verlegt.

Ab Juli 1947 ging auch das PW-Lazarett mit seinen gesamten Gebäuden an die inzwischen gegründeten Zentralkliniken über. Im November 1949 erschien ein Bericht über eine Pressekonferenz, in welcher Chefarzt Dr. Winkler einen Überblick über Geschichte, Aufbau, Aufgaben und Leistungen der Zentralkliniken gab. Danach sind zu dieser Zeit durchschnittlich 1000 bis 1100 Betten, davon 500 von TBC-Kranken als Auffangstelle des ganzen Landes belegt, die von 60 Ärzten, 336 Angehörigen des ärztlichen Personals sowie 296 des übrigen Personals betreut wurden. Die Zahl der monatlichen Operationen war bei 600 angelangt. Die Zentralkliniken Göppingen seien damit das leistungsfähigste Haus in Nordwürttemberg. Trotz dem hohen Leistungsstand und finanziellem Aufwand werde aus den Zentralkliniken, so Chefarzt Dr. Winkler, nie ein Krankenhaus entstehen, es bleibe immer "eine Kaserne".

Ab dem Jahr 1950 kommt es zu drei für Göppingen entscheidende Entwicklungen dieses Geländes: Nach einer Mitteilung des Arbeitsamtes unterstehen die Zentralkliniken zukünftig dem Arbeitsministerium. Eine plötzliche Aufgabe sei nicht möglich, so dass nur an einen schrittweisen Abbau der Zentralkliniken gedacht werden könne. So wird zunächst eine Reduzierung des Bettenbestandes von 1200 auf 900 angeordnet.

Schärfsten Protest des Göppinger Stadträte gab es gegen die Absicht des Landes, auf dem Gelände der Zentralkliniken und des Flaksportplatzes, Baracken für etwa 400 heimatlose, zwangsverschleppte Personen, sogenannte DPs zu erstellen. Auch der Kreistag und der Stadtverband für Leibesübungen, der die sportliche Nutzung des Geländes in Gefahr sah, sprach sich gegen gegen die Barackenplanung aus. Große Erleichterung für alle Beteiligten, als der Barackenbau dann auf städtischem Grund und Boden neben dem Flugplatz erstellt werden sollte. Sportplatz und Zentralklinikgelände waren gerettet. Die Großveranstaltungen vor Tausenden von Zuschauern im damaligen Feldhandball, als Göppingens Traditionsverein Frisch-Auf in diesem Jahr um die süddeutsche Meisterschaft kämpfte oder an einem Wochenende ein Reit-, Spring- und Fahrturnier auf dem ehemaligen Flaksportplatz vor tausenden begeisterten Zuschauern ausgetragen wurde, sind der älteren Generation noch in guter Erinnerung.

Der Bettenabbau in den Zentralkliniken führte zu ersten Spekulationen über die Unterbringung einer nordwürttembergischen etwa 500 Mann umfassenden Polizeieinheit in frei werdenden Gebäuden der Zentralkliniken. Nach einer Verlegung von TBC-Kranken zur Stuttgarter Schillerhöhe schreibt die NWZ am 19. Juni 1951: Jetzt wird es ernst mit der Bereitschaftspolizei. Ein erster Aufstellungsstab kommt zur Rekrutierung nach Göppingen.

Das ist der Anfang vom schnellen Ende der Zentrakliniken zu Gunsten der Bepo: 1953 werden die noch verbliebenen Patienten auf umliegende Krankenhäuser verteilt. Den noch 300 Klinikbeschäftigten wurde zugesichert, dass sie teils vom Innenministerium übernommen werden.

In der Ausgabe vom 29. August berichtet dann die NWZ: "Mit der Zentralklinik ist es jetzt zu Ende und eine Totenstille bereitet sich über dem Gebäudekomplex aus. Wo einst monatlich 600 Operationen durchgeführt und rund 107 000 Patienten in siebeneinhalb Jahren behandelt werden konnten, gingen die Lichter aus."