Ausstellung Vortrag im Storchen über das Auswandern

Diplom-Archivarin Melanie Köhler-Pfaffendorf begibt sich nach ihrem Vortrag zur Ausstellung ins Gespräch mit Besuchern. 
 
Diplom-Archivarin Melanie Köhler-Pfaffendorf begibt sich nach ihrem Vortrag zur Ausstellung ins Gespräch mit Besuchern.   © Foto: Axel Raisch
Göppingen / Axel Raisch 01.02.2018
Ein Vortrag im Storchen behandelte das Thema „Von Göppingen nach Amerika – Auswanderung im 19. Jahrhundert“. Zwei Fachvorträge beleuchteten das Thema von mehreren Seiten.

Noch bis zum 8. April können Besucher des Göppinger Museums im Storchen in der Ausstellung „Schönhut – Von einem Göppinger, der auszog, die Welt zu beglücken“ Exponate besichtigen, die von der Verwirklichung des amerikanischen Traums zeugen. Diese Woche nun folgten sehr viele Besucher der Einladung zum Vortrag zur Ausstellung. Der Leiter des Göppinger Archivs und der Museen der Stadt, Dr. Karl-Heinz Rueß, führte in die Thematik mit interessanten Zahlen, Fakten und Hintergründen rund um die Auswanderung ein, bevor Archivarin Melanie Köhler-Pfaffendorf anhand privater, teils tragischer Briefe aufzeigte, dass Schönhuts Beispiel wohl die Ausnahme war.

Unerfüllte Hoffnungen

Zahlreiche der 900 zwischen 1830 und 1870 ausgewanderten Göppinger scheiterten aus unterschiedlichen Gründen und verzweifelten an ihren unerfüllten Hoffnungen sowie schierer Armut. Sie haderten in ihren Briefen mit sich sowie der (neuen) Welt und brachten dies meist ungeschminkt bedrückend zum Ausdruck. Erschütternd und ergreifend, wie mancher angesichts der Tatsache, nichts mehr zu beißen zu haben, einer Lebensbeichte gleich, Ungehorsam den Eltern gegenüber bereut und vermutet, dass auf seinem Leben kein Segen liege. Ein anderer klagt, dass er aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse das Geschlecht noch nicht habe fortpflanzen können. Sein größter Wunsch sei es, nochmals nach Deutschland zurückzukehren und die Gräber der Eltern zu besuchen, teilt ein weiterer Verfasser bewegend mit.

Die württembergischen Wirtschaftsflüchtlinge hofften oftmals vergeblich auf ein besseres Leben in dem Land im Aufbau, das Ländereien verteilte an die, die es bestellten. Sie hofften auf ein Dasein ohne Hunger und Armut, die ihnen in der Heimat durch Missernten im „Jahr ohne Sommer“ 1816/17 sowie die Rückständigkeit des Landes beschert waren. Dafür nahmen sie Überfahrten in Kauf, die nicht selten Torturen glichen. Christliche Gruppierungen ersehnten in Nordamerika ein Leben im Einklang mit ihrem Glauben. Linke bauten auf ein liberales Land, insbesondere nach dem Rollback infolge der gescheiterten 48er-Revolution. Die Motive für die Auswanderung waren genauso unterschiedlich wie die Lebenswege und die individuell mitgebrachten Grundlagen. Das kommt auch in den Briefen in die Heimat zum Ausdruck.

Vorwiegend arme und wenig gebildete Menschen hätten die Auswanderung gewählt, berichtete Köhler-Pfaffendorf. Dies machte sie auch anhand der Briefe deutlich, die in erheblichem Ausmaß grammatikalische und orthographische Eigenwilligkeiten aufgewiesen hätten und teils schwierig zu verstehen gewesen wären. Diese Auffälligkeiten wiesen darauf hin, dass die Verfasser der „einfachen Bevölkerung“ angehört hätten, so die Archivarin weiter. Köhler-Pfaffendorf präsentierte sie nun verständlich und doch im Duktus der Zeit. Dagegen wirkt der Brief eines politischen Flüchtlings an den Faurndauer Schultheißen gewitzt und kämpferisch, in dem er auch gegen einen „böswilligen“ Polizisten nachtritt.

Für ihren ersten Vortrag erhielt die Diplom-Archivarin aus dem Publikum Lob. Dieser hatte sich durch eine klare Strukturierung und hohen wissenschaftlichen Anspruch ausgezeichnet.

Briefe im Kontext

Durch die Einbettung der persönlichen Berichte in die geschichtlichen Phasen konnten die Briefe im Kontext des Weltgeschehens gesehen werden. Denn gerade der amerikanische Bürgerkrieg sowie der Erste Weltkrieg hatten Zäsuren für die Amerikaner deutscher Herkunft bedeutet und fanden direkt und indirekt Niederschlag in den Zeilen. Sei es durch den Bericht von der erfolglosen Suche nach einem Bruder, der in einem Regiment während des Sezessionskrieges gedient hatte, oder Zeilen zu antideutschen Handlungen in den Jahren ab 1917.

Mit dem Thema waren die Veranstalter auf großes Interesse gestoßen. Der Vortragsraum war übervoll. Erst als im zweiten Teil des Abends einige der Besucher im überwiegend gesetzten Alter gingen, entspannte sich die beengte Situation etwas.