Geislingen an der Steige Vom Haus der rauchenden Mäuse

So sahen am Morgen nach dem Unglück die Eilzuglok und der Packwagen aus. Beim Aufprall hatten sie sich verkeilt. Foto: Archiv
So sahen am Morgen nach dem Unglück die Eilzuglok und der Packwagen aus. Beim Aufprall hatten sie sich verkeilt. Foto: Archiv
Geislingen an der Steige / ELKE BERGER SIGRID BALKE 15.03.2014
Sieben Verletzte und jede Menge Schrott waren die Bilanz des Zugunglücks in Geislingen West am 25. Februar 1964. Mit 100 km/h prallte ein Eilzug auf einen stehenden Zug im Durchgangsgleis auf.

"Ich sah den Eilzug kommen, löste die Bremsen meiner E 94 und sprang aus dem Fenster", berichtete der Lokführer Emil Pfeiffer unserer Zeitung, die am 27. Februar 1964 reich bebildert von dem Unglück in Geislingen berichtete.

Zwei Tage zuvor gegen 22 Uhr wartete Pfeiffer mit seinem Zug auf dem Durchfahrtsgleis von Geislingen West auf Einfahrt ins Mittelgleis. Auf diesem stand jedoch schon eine Lok, von der der Fahrdienstleiter wohl annahm, es sei Pfeiffers Lok. So sperrte er nur das Mittelgleis und ließ den aus Ulm heranbrausenden Eilzug auf dem Durchfahrtsgleis den Bahnhof passieren. Dort krachte der Zug mit etwa 100 km/h auf die Schublok und boxte diese 150 Meter weit zurück. Beide Loks und der nachfolgende Gepäckwagen einer der Züge sprangen aus den Schienen.

Von den Fahrerkabinen der beiden Lokomotiven war nach dem Aufprall nichts mehr übrig. Zwei Beamte, die sich im Gepäckwagen befanden, hatten großes Glück: Sie befanden sich im hinteren Teil des Waggons. Weniger Glück hatte der Lokführer des Eilzugs, der schwer verletzt ins Geislinger Krankenhaus eingeliefert wurde und in Lebensgefahr schwebte. Sechs weitere Personen wurden ambulant behandelt, der Rest der Passagiere kam mit dem Schrecken davon. Emil Pfeiffer trug Gesichtsverletzungen und Prellungen am ganzen Körper davon. Die Gleise waren bis zum nächsten Morgen um 6.50 Uhr voll gesperrt, bis zum Nachmittag nur eingleisig passierbar. Es wurde mit mehreren hunderttausend Mark Schaden gerechnet. An Fahrleitung und Bahnkörper entstand nur leichter Schaden, acht Schwellen mussten ausgewechselt werden.

"Hamburg erhält Haus der 10 000 rauchenden Mäuse", steht als Überschrift über einem Artikel in der GEISLINGER ZEITUNG vom 5.März 1964. Rauchen war zu der Zeit noch gesellschaftlich anerkannt, und die Werbeanzeigen preisen Zigaretten als die wohlverdiente Erholung für dynamische Manager und aktive Männer. Dennoch scheinen erste Zweifel an der positiven Wirkung des Rauchens aufzukommen, denn hinter dem "Haus der rauchenden Mäuse" verbirgt sich ein Tierversuchsprojekt, bei dem Mäuse massivem Tabakqualm ausgesetzt werden um anschließend pathologisch untersucht zu werden. "Wir von der Zigarettenindustrie wollen keine Krebsforschung betreiben", äußert sich ein Vertreter der beteiligten Tabakkonzerne, "aber vielleicht lässt sich klären, ob einige der 800 im Rauch enthaltenen Kondensate tatsächlich schädliche Auswirkungen haben." Nach seinen Angaben raucht er täglich 40 bis 60 Zigaretten, aber noch nie habe er "so viel Zigarettenqualm in einem Raum erlebt wie kürzlich auf dem Krebskongress in Moskau".

Am 14. März berichtet die GZ von der Eröffnung der ersten Zweigfabrik der WMF im Ausland. "Vor kurzem ist die griechische Zweigfabrik der Württembergischen Metallwarenfabrik WMF Hellas offiziell gegründet worden. In Volos haben 46 griechische Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Tätigkeit aufgenommen und schon einige Cromargan-Besteckteile hergestellt. Die WMF beabsichtigt in Volos auch Hohlwaren herzustellen."

Auf ihrer Mitgliederversammlung vom 28. März beschließt der Geislinger SC einstimmig den Bau einer Sporthalle samt Tribüne, Jugendraum und Kegelbahn. Die GZ veröffentlicht das Bild eines Architekturmodells und beschreibt die geplante Anlage, deren Realisierung von der Stadt unterstützt wird, als ein teures und ehrgeiziges Vorhaben, und sie zitiert angesichts der Bausumme von 500 000 DM ein Mitglied mit den Worten: "Ma muß mit dr Nas no drüber naus seha."