Göppingen/Berlin Viel Kunst am Wasser

Christian Gracza, Sohn des Göppinger Franz-Liszt-Forschers Lajos Gracza, zeichnet für die Lübbener Aquamediale verantwortlich.
Christian Gracza, Sohn des Göppinger Franz-Liszt-Forschers Lajos Gracza, zeichnet für die Lübbener Aquamediale verantwortlich. © Foto: Carolin Wendel
Göppingen/Berlin / TANJA KASISCHKE 09.06.2012
Er besuchte das Hohenstaufen-Gymnasium in Göppingen, zog zum Studium nach Leipzig und lebt jetzt in Berlin: Christian Gracza ist Kurator der "Lübbener Aquamediale", eines renommierten Kunstfestivals.

Sein Wohnsitz rückt ihn schon einmal geografisch in die Nähe der neuen Wirkungsstätte. In Berlin-Kreuzberg, wo Christian Gracza gerade heimisch geworden ist, liegen die Mittenwalder- und Baruther Straße um die Ecke. Beide Orte sind im Spreewald. Zur Lübbener Straße sind es einige Minuten U-Bahnfahrt. Da ist der direkte Weg in die Kreisstadt südlich von Berlin länger, den Christian Gracza täglich zurücklegt. In Lübben begann die achte Aquamediale, die erste mit ihm als Kurator.

Zehn Künstler bestücken die Ufer der Spreefließe rund um den Lübbener Hafen, welche die Landschaft wie Adern durchziehen. Zu sehen gibt es etwa eine gigantische Wasserorgel, die sogar Töne erzeugt, oder eine Skulptur mit dem Titel "durstiger Mönch".

Christian Gracza hat sich einen Cappuccino gezapft, um den Tag starten zu können. Ohne Kaffee, gesteht der Göppinger, gehe morgens gar nichts. Er wirkt dabei so in sich ruhend, dass es schwer fällt, dies zu glauben. "Der Ort ist einzigartig", sagt Gracza über das Gelände, "Kunst, die im öffentlichen Raum ausgestellt wird, in einem relativ naturbelassenen Bereich. Ein vergleichbares Konzept habe ich europaweit nicht gefunden". Am Ort gibt es nichts zu rütteln. Das Kunstfestival Aquamediale, bisher nur ein Besuchermagnet für Berliner und Brandenburger, will der neue Chef indes schrittweise dahingehend verändern, dass es an Strahlkraft gewinnt und überregional, möglichst sogar international bekannt wird. "Mir sagte das Projekt nichts, ehe ich die Ausschreibung las", gibt der Kurator zu. Das zeichnet ihn aus: Er ist ehrlich.

Gracza, geboren 1974, ist Kulturwissenschaftler und hat mehrere Jahre als Veranstaltungsmanager gearbeitet, für die Kulturhauptstadtbewerbung von Görlitz und im ungarischen Pécs, das 2010 Kulturhauptstadt war. Dass er trotzdem nicht "Optimierung" eines Standorts sagt, sondern von dessen Verbesserung spricht und Nebensätze bildet, statt unternehmerische Wortneuschöpfungen anbringt, mag an seinen schwäbischen Wurzeln liegen und an der Bodenständigkeit, die sich damit verbindet. Ungarisch, seine zweite Muttersprache, beherrsche er "mit deutschem Akzent", und tatsächlich klingt auch in seinem Deutsch mehr der südwestliche Migrationshintergrund durch als der osteuropäische.

Christian Gracza ist Sohn des Göppinger Franz-Liszt-Forschers Lajos Gracza. Seine Eltern waren 1972 aus Ungarn geflohen, der Vater, ein Biochemiker, habe unbürokratisch Aufenthaltserlaubnis und Anstellung an der Fils bekommen, bei der Firma Müller. Eine Wertschätzung, für die er sich revanchierte, berichtet der Sohn: Als Gracza Senior eine Stelle in Paris angeboten wird, schlägt er das Angebot aus, bleibt lieber in Schwaben.

Die Einstellung hat der 38-jährige Filius verinnerlicht, obwohl er nach dem Abitur am Hohenstaufen-Gymnasium zum Studium nach Leipzig zog: Ein Ziel ist so gut wie der Weg dorthin. Nun sind die Ziele Lübben und die Absicht, die Aquamediale "richtig künstlerisch" zu machen. "Das Festival muss sich abheben und sollte nicht das touristische Spreewaldbild mitbedienen müssen: Ich mag Gurken, aber nur auf dem Teller."

Entsprechend internationaler hat Christian Gracza die Arbeiten und deren Künstler - vom Ruhrgebiet bis Uruguay - ausgewählt. Und danach, "dass das, was sie zu sagen haben, funktioniert". Provokante Bewerbungen lehnte er noch ab: "Wir sind noch nicht soweit." Künftig werde sich das Festival stärker mit ähnlichen Veranstaltungen in anderen europäischen Ländern vernetzen, etwa 2013 mit Breslau, später mit Spanien. Ein EU-Förderantrag ist eingereicht.

"Ich möchte, dass die Aquamediale beiträgt, Horizonte zu erweitern." Visionär klingt das einerseits, und idealistisch. Andererseits wirkt der Mann zu realistisch für einen Vertreter des Kunstbetriebs, als dass er Luftschlösser an den Spreefließen bauen würde: Die Aquamediale 2012 war bereits vor Eröffnung voll finanziert.

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