Tanztheater Viel Applaus für Maya Rapps Tanztheater

Göppingen / Sabine Ackermann 21.07.2018
Immer wieder frenetischer Jubel für „I was a Human“. Maya Rapps Tanztheaterstück mit 100 Tanzschülern war ein Erlebnis.

Lautes Krachen – kabumm. Tut, tut, tut –Akustiksignale auf einer Intensivstation. Dann ein langgezogener Ton – Nulllinie. Man sieht nichts, aber die Geräusche aus dem Off machen klar: Schon am Anfang wird die Endlichkeit, der Tod versinnbildlicht.

Genauer gesagt, ein junger namensloser Mann (Eric Kaden) wird fortan durch sämtliche Höhen und Tiefen gehen und tanzen. Er wird seine Gefühlswelt so emotional offenbaren, als hätte er noch nie etwas anderes gemacht. Der Schluss der Geschichte bleibt offen: Wird er mit dem Dolch am Hals Suizid begehen?

Ganz bewusst will die Choreografin Maya Rapp mit ihrem Tanztheater „I was a Human“ auf Themen aufmerksam machen, die für junge Menschen heute scheinbar alltäglich sind. Noch frei von Problemen und von daher völlig unbeschwert sind die „Minis“ im Kindergarten, die ihre Fröhlichkeit sowohl in der Kleidung als auch im Tanz zu Jonas Manteys „Wie alles begann“ offenbaren. Danach kommt die Schulzeit und mit ihr buchstäblich „Fire“ von DJ Bx’treme, übersetzt für alle Schlagerfans: „Aus mit lustig“. Jugend, Pubertät, Liebe, Homosexualität, Mobbing in Form böswilliger Bloßstellung auf Social Media – das Smartphone ist im Dauereinsatz, wenn der junge Mann mit einem Geschlechtsgenossen bei den ersten Umarmungen erwischt wird.

Miniszenen, die durch die außergewöhnlichen Tanz-Choreografien in Hip-Hop, Contemporary oder Experimental zu Musik von Matoma (feat. Nico & Vinz) „Love You Right“, Mattia Cupellis „Touch“ und ganz besonders zu Eric Kadens Solo zu Comptine d‘Un Autre Été – Die fabelhafte Welt der Amélie Piano“ an Gewicht gewinnen. Das bekannte Stück symbolisiert hervorragend sein Gefühlschaos, das nachfolgend im Experimental zu „Great I am“ von der Gruppe „New Life Worship“ den göttlichen Aspekt mit Engeln unterstreicht. Doch wo die Himmelswesen Hoffnung vermitteln, sind auch die Dämonen nicht weit.

Ein weiterer Punkt im Leben des jungen Mannes ist die enge Verbundenheit zu seiner Schwester, famos präsentiert von dem echten Geschwisterpaar Michelle und Selena Wölfel. Während letztere in jungen Jahren ihren Bruder mit ihrer Fröhlichkeit ansteckt, suggerieren zehn Jahre später böse Schreckgespenster Michelle (zum Stück „Angels & Demons“ von Joshua Bell und Hans Zimmer) vor dem Spiegel: Du bist zu dick. Essstörungen, ein weiteres Thema, das betroffen macht, denn die Schwester überlebt den Hungerwahnsinn nicht. Aus Verzweiflung und um zu vergessen, wendet sich ihr Bruder dem Alkohol und Drogen zu. In dieser Tanzszene in einem Lokal wird den Zuschauern vorgegaukelt, wie scheinbar lustig diese Art von Betäubung ist. Doch die Fröhlichkeit ist nur von kurzer Dauer. Der junge Mann landet schließlich in einer Entzugsklinik, Schwestern und Ärzte mit Mundschutz unterstreichen seine lebensbedrohliche Lage.

Dann keimt Hoffnung auf, er erkennt, man ist „Geboren, um zu leben“. Wieder auf dem Damm gönnt er sich eine Weltreise, die Maya Rapp mit kreativen Tänzen aus Schottland, Südamerika (Salsa, Conga), der Türkei, Spanien und im Dschungel sichtbar macht. Auch wenn die Tänze größtenteils im Hip-Hop angesiedelt sind, klingen sie dennoch so moderat, dass sogar ältere Zuschauer Gefallen an diesem Genre finden. „Sehr schön, ich bereue es nicht, dass ich mitgegangen bin“, betont Franzi Schönwiesner aus Weißenstein, die mächtig stolz auf ihre mittanzende Enkelin Lena ist.

Die Tanzszenen waren samt der Breakdance-Einlage von Trainer Simon und seinen 15 Nachwuchs-Breakern (der Jüngste war gerade mal sechs Jahre alt) durchweg ein Augenschmaus. Respekt, wenn man bedenkt, dass jede der etwa zehn Gruppen erst im Oktober mit den Proben begonnen hat. Etwas schade ist aber, dass die Erzählungen aus dem Off auf Englisch waren und man aufgrund des schlechten Tones Mühe hatte, alles zu verfolgen. Der von Maya Rapp angedachte Beamer im Hintergrund für die Übersetzung war in der Stadthalle Göppingen leider nicht möglich. Dennoch gab es am Ende frenetischen Jubel.

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