Göppingen Viadukt setzt sich für Suizid-Prävention ein

„Viadukt“, hier mit einem Stand im Mai, unterstützt chronisch seelisch-kranke Menschen. Zum Welt-Suizid-Präventionstag informiert der Verein mit einem Infostand auf dem Wochenmarkt.
„Viadukt“, hier mit einem Stand im Mai, unterstützt chronisch seelisch-kranke Menschen. Zum Welt-Suizid-Präventionstag informiert der Verein mit einem Infostand auf dem Wochenmarkt. © Foto: Staufenpress
Göppingen / Von Annerose Fischer-Bucher 07.09.2018
Der Göppinger Verein „Viadukt“ informiert am Samstag über Suizid-Prävention auf dem Schillerplatz-Wochenmarkt und findet: Das Thema braucht mehr Aufmerksamkeit.

Spektakuläre Fälle von Suizid (Selbsttötung) finden in den Medien Aufmerksamkeit wie etwa der des Torhüters Robert Enke, von  Gunter Sachs oder von Hannelore Kohl. Dass sich jedoch etwa 10 000 Menschen jährlich in Deutschland umbringen und was dies für die etwa 100 000 Menschen bedeutet, die einen nahestehenden Menschen verlieren, findet dagegen wenig Aufmerksamkeit. Immer noch ist das Thema Suizid weitgehend ein Tabu und wird schamhaft verschwiegen. Dem möchte der Welt-Suizid-Präventionstag am 10. September, den es seit 2003 gibt, entgegenwirken.

In Göppingen organisiert deswegen der Verein „Viadukt“, der chronisch seelisch-kranke Menschen unterstützt und begleitet, auf dem Schillerplatz-Wochenmarkt von 8 bis 13 Uhr einen Infostand. Er informiert nicht nur generell über die vielfältigen Hilfen des Vereins, sondern auch über das Thema Suizid, welche Risikofaktoren und welche Vorurteile es gibt und was man zur Vorbeugung tun kann. Um 10 Uhr gibt es einen Massenstart von Luftballons mit Postkarten und ein Dosenwerfen soll eine Eisbrecher-Aktion sein, mit deren Hilfe kleine Spenden der Aktion „Gute Taten“ zugute kommen sollen.

„Man muss das Thema enttabuisieren und aufklären“, sagt Patricia Nagel, Teamleiterin im Wohnheim von „Viadukt“. Man müsse mit Mythen aufräumen wie „Wer von Suizid spricht, tut es nicht“ oder „Menschen kommen erst auf die Idee, wenn Suizidgedanken angesprochen werden“. Dr. Michael Grebner, Vorsitzender des Vereins, führt den Gedanken weiter, indem er darauf hinweist, dass es gerade wichtig sei und bei Viadukt auch von den Mitarbeitern immer wieder gemacht werde, dies anzusprechen, um es verhindern können. Grebner, Arzt für Psychiatrie mit Schwerpunkt Gerontopsychiatrie, sagt, dass Menschen mit Depressionen, Suchterkrankungen oder Schizophrenie dazu neigten, Schluss zu machen, weil sie vermeintlich keinen Ausweg sähen.

Alleinstehende Männer, die meist nicht über Einsamkeit, Perspektivlosigkeit oder über depressive Anteile redeten, seien die größte Gruppe. Menschen mit somatischen unheilbaren Krankheiten, die Angst vor Schmerzen haben wie bei Krebs, seien ebenfalls gefährdet oder Borderliner, die mit Tod und Sterben kokettierten. Nach reißerischen Medienberichten oder Anleitungen zum Selbsttöten im Internet gebe es auch Nachahmer im sogenannten „Werther-Effekt“.

Grebner weist aber auch darauf hin, dass die Zahl der Suizide in Deutschland insgesamt rückläufig sei und dass Leute, die im Viadukt betreut würden, sich weniger häufig als im Durchschnitt umbringen würden. Deswegen seien die Enttabuisierung und die Aufklärung in der Öffentlichkeit so wichtig.

Bei der Prävention komme es darauf an, dass nach dem Grund für die Suizidalität geschaut werde, dass Anlaufstellen bekannt gemacht würden und dass etwa bestimmte Hotspots wie Stellen an Bahngleisen oder auf Bergen entschärft würden. Hauptfaktor sei jedoch, dass für den Gefährdeten eine Person des Vertrauens aktiviert und eine stabile Beziehung aufgebaut werde. Eine medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung mit dem Erwecken eines Krankheitsverständnisses seien wichtig. Grebner sagte jedoch auch, dass etwa Kliniken keine Hochsicherheitstrakte seien, in denen die Menschen von der Welt abgeschnitten würden. Es könne leider nicht jeder Suizid verhindert werden.

Welt-Suizid-Präventionstag findet am 10. September statt

Infostand Der Verein „Viadukt“ informiert am morgigen Samstag von 8 bis 13 Uhr auf dem Schillerplatz-Wochenmarkt über Suizid-Prävention sowie über die Arbeit des Vereins. Um 10 Uhr Massenstart von Luftballons mit Postkarten und Eisbrecher-Aktion mit Dosenwerfen.

Viadukt Der eingetragene Verein kümmert sich um chronisch seelisch-kranke Menschen ambulant und mit betreutem Wohnen, mit dem Tagestreff „Lichtblick“ und mit vielen weiteren Angeboten.

Der Präventionstag findet am 10. September statt. Er wurde zum ersten Mal 2003 von der IASP (International Association for Suizide Prevention) und von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) ausgerufen. Ziel: Die Öffentlichkeit auf das Verdrängen des Problems aufmerksam zu machen.

Dr. Michael Grebner ist Arzt für Psychiatrie mit Spezialisierung auf Gerontopsychiatrie und Vorsitzender des Vereins „Viadukt – Hilfen für chronisch seelisch-kranke Menschen“.

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