Vortrag Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen spricht bei Waldorfschülern

Göppingen / DIRK HÜLSER/ANDREAS SCHEFFEL 23.07.2015
Nachdem zwei Termine abgesagt waren, tauchte der Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen am Mittwochabend bei Kleintierzüchtern in Faurndau auf – eingeladen von Schülern der Waldorfschule.

Applaus brandet auf im Hasenheim, der Vereinsgaststätte der Faurndauer Kleintierzüchter, als Ken Jebsen gegen einen seiner Lieblingsfeinde zu Felde zieht: „Die Vereinigten Staaten können mit einer friedlichen Welt überhaupt nicht umgehen. Sie brauchen den Krieg.“ Die, die dem 48-jährigen früheren Berliner Radiomoderator da am Mittwochabend applaudieren, sind Schüler und Lehrer, Eltern, Ex-Schüler und viele ehemalige Lehrer der Freien Waldorfschule Filstal in Faurndau, mehr als 100 Interessierte sind gekommen.
 

 

Im Rahmen ihrer Projekttage hatten Oberstufenschüler unter anderem den bundesweit bekannten Jebsen, aber auch einen österreichischen Rapper, den selbsternannten „Systemfeind“ Kilez More eingeladen. Beide tauchen immer wieder im Umfeld der sogenannten „Montagsmahnwachen für den Frieden“ auf, wo auch Vertreter der neurechten Szene wie Jürgen Elsässer ein Forum finden. Nach interner und öffentlicher Kritik untersagte die Göppinger Waldorfschule den Auftritt Jebsens, eine Verlegung ins Uditorium nach Uhingen wurde ebenfalls abgeblasen. Auch im Institut Eckwälden hätte Jebsen auftreten sollen, doch auch diese Veranstaltung im Heil- und Erziehungsinstitut wurde schließlich von den Schülern abgesagt.

Dafür saß am Mittwochabend ein Vertreter des Instituts ganz vorne bei Jebsen, auch der 85-jährige Demeter-Pionier Karl Tress aus Münsingen war eigens angereist, unter den Zuhörern war auch ein Pfarrer im Ruhestand der Christengemeinschaft Göppingen. Ausdrücklich lobte Jebsen einen Schüler aus Adelberg, der vor Ort auch als Leiter der Veranstaltung auftrat und der bereits das Uditorium für Jebsens geplatzten Auftritt reserviert hatte.

Schulführungskonferenz reagiert mit Befremden 

Mit Befremden reagierte die Schulführungskonferenz der Waldorfschule auf die Veranstaltung. „Unverständlicherweise hat ein Mitglied des Kollegiums Schüler auf diesen Termin hingewiesen“, wird kritisiert, weiter heißt es: „Wir wollen betonen, dass die Schule mit dieser Veranstaltung nichts zu tun hat und nichts zu tun haben will.“ Jebsens Vortrag in den Räumen der Schule sei schließlich deshalb abgelehnt worden, „da wir uns von seinen Aussagen klar distanzieren“.

Auf deutliche Distanz geht auch der Bund der Freien Waldorfschulen. Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick weist darauf hin, „dass wir versucht haben, unsere Schulen zu sensibilisieren“. So hat der Verband unlängst eine Warnung vor Verschwörungstheorien veröffentlicht. Er kann allerdings nachvollziehen, warum Jebsen nun nach Faurndau eingeladen wurde: „Wenn ich Schüler wäre und plötzlich würden lauter Erwachsene kommen und so einen Zirkus veranstalten, dann würde ich es auch erst recht machen.“ Nun sei allerdings die Schule gefordert: „Wenn sie jetzt damit vernünftig umgeht, wäre es eine Möglichkeit, keinen Märtyrer oder Robin Hood aufzubauen – denn das ist ja die Marketingstrategie des Ken Jebsen.“

Nicht nur die Waldorfschulen, auch alle anderen Schulen müssten „in einer Zeit, die generell nach rechts driftet, so etwas zum Anlass nehmen, die Schüler aufzuklären“. Denn Jebsen treibe junge Leute „möglicherweise in die Händen von irgendwelchen Bauernfängern, die einfache Lösungen anbieten“. Künftig soll sich der Unterricht an Waldorfschulen wegen der Vorgänge in Göppingen ändern, unterstreicht Kullak-Ublick: „Ich bin mit meinen Vorstandskollegen einig, dass wir den Vorfall zum Anlass nehmen, künftig verstärkt Wirtschafts- und Gesellschaftskunde zu unterrichten.“

Eröffnet wurde der Abend in Faurndau von einer früheren Mathematiklehrerin der Göppinger Waldorfschule, Gisela Grauberger. Mit Blick auf Ken Jebsen zitierte sie ausgerechnet einen früheren US-Präsidenten, Andrew Jackson – freilich, ohne das Zitat als solches erkennbar zu machen: „Ein einziger mutiger Mensch stellt eine Mehrheit dar.“ Sie betonte, man dürfe „darüber staunen“, wie mutig Jebsen, aber auch die Schüler seien.

Eine junge Frau, die auch zu dem Abend eingeladen war, zeigte sich noch am Donnerstag entsetzt: „Das Gruselige an dem Typ ist, dass er nicht damit herausrückt, was er eigentlich will.“ Die Schule habe die Verantwortung einfach abgeschoben, glaubt sie. „Das kann mir keiner erzählen, dass die Schüler da was organisieren, ohne dass sich jemand darum kümmert, das ist einfach kompletter Mumpitz.“

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