Der Mann mit dem Beinamen Barbarossa darf in keinem Geschichtsbuch fehlen. Zwischen der Krönung zum König im Jahre 1152 und seinem Tod 1190 stand der Staufer im Fokus der Weltpolitik. Sein Leben, sein Denken, sein Tod müssten doch bestens bekannt sein, sollte man meinen. Doch eine neue Barbarossa-Ausstellung, die am 20. September im Göppinger Stadtmuseum Storchen eröffnet wird, kommt zu einem anderen Ergebnis.

Wie dachte und schrieb Barbarossa? Zunächst einmal: Schriftliche Aufzeichnungen des Kaisers gibt es nicht - der Kaiser konnte wohl weder schreiben noch lesen. Aber auch bei den schriftlichen Aufzeichnungen, die Barbarossa zugeordnet werden, ist Vorsicht geboten. Die älteste erhaltene Urkunde etwa, in der Göppingen erwähnt wird, stammt aus dem Jahre 1154. Sie wurde von Kaiser Friedrich I. Barbarossa ausgestellt - so jedenfalls heißt es in allen Abrissen zur Göppinger Geschichte. Doch auch hier ist ein Fragezeichen zu setzen. Denn sehr wahrscheinlich handelte es sich um eine sogenannte Empfängerausfertigung, also eine Urkunde, bei der die königliche Beglaubigung bereits vorhanden war, bevor der Empfänger, wahrscheinlich ein Mönch aus dem Kloster Lorch, den Text der Urkunde niederschrieb. Diese Art der Blanko-Ausfertigung war damals üblich und durchaus nicht ehrenrührig. Doch es gibt eine Reihe weiterer Indizien, die darauf hindeuten, dass es sich bei der oft zitierten Urkunde "apud Geppingen" um eine Fälschung handeln könnte. Zum einen ist die Urkunde nicht auf den Tag genau datiert, zum anderen fehlen das Monogramm und der königliche Vollziehungsstrich. Merkwürdig ist auch, dass Barbarossa bereits 1154 als "Friedrich I." bezeichnet wird - zu einer Zeit also, als ein zweiter Träger dieses Namens in weiter Ferne war. Erst Jahrzehnte später wurde Barbarossas Enkel, geboren 1194, als Friedrich II. tituliert. Die Bezeichnung "der Erste" ergab im Jahr 1154 also keinen Sinn.

Dafür und für alle weiteren Ungereimtheiten gibt es sicher mögliche Erklärungen, und wie häufig in der Forschung, muss man nicht lange suchen, um wiederum Belege zu finden, die gegen eine Fälschung sprechen. Doch darf man angesichts der Quellenlage die Echtheit des Dokuments ernstlich anzweifeln.

Und wie starb Barbarossa? Was genau an jenem 10. Juni 1190 am Fluss Saleph in der heutigen Türkei passierte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Zu widersprüchlich sind die Quellen. Ist Barbarossa in voller Rüstung ertrunken oder bei einem abkühlenden Bad, starb er sofort oder Tage später? Tatsache ist, dass Barbarossa der einzige Kaiser des deutschen Mittelalters ist, dessen Grablege bis heute unbekannt ist, was maßgeblich beitrug zur Legendenbildung vom Herrscher, der zwar gestorben, aber nicht tot ist, der im Berg Kyffhäuser schläft und auf seine Wiederkehr wartet.

Die Kyffhäuser-Sage, von den Gebrüdern Grimm ins nationale Gedächtnis gerufen, fasste Friedrich Rückert 1817 in Verse. Sie wurde damit in Deutschland noch populärer, zugleich aber auch um eine politische Komponente erweitert. Das 19. Jahrhundert war in Deutschland geprägt von territorialer Zersplitterung. In diesem Umfeld wurde Barbarossa zur Projektionsfläche des Wunschs nach einem deutschen Nationalstaat. Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung war der Bau eines monumentalen Kyffhäuser-Denkmals, das Wilhelm I. dem Kaiser setzen ließ. Zugleich stellte sich Wilhelm als Preußenherrscher hoch zu Ross stolz in eine Traditionslinie zu dem Staufer. Kaum ein Herrscher ist nach seinem Tod so hartnäckig instrumentalisiert worden wie der Stauferkaiser. Die Erinnerung sei "in besonderem Ausmaß von den Sehnsüchten und Hoffnungen des nationalen Geschichtsbildes verzerrt", schreibt Knut Görlich, der in seiner gewichtigen Barbarossa-Biografie versucht hat, unter den "vielen Übermalungen" die historische Gestalt des 12. Jahrhunderts zu suchen.

Diese "Übermalungen" reichen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, wo die Nationalsozialisten den Wunsch nach einer Leitfigur mit dem Führerkult und ihrer Expansionspolitik verknüpften. Dass der Angriff der deutschen Armee auf die Sowjetunion im Jahre 1941 den Decknamen "Unternehmen Barbarossa" erhielt, ist sicher kein Zufall.

Diese doppelte Okkupation (erst der Name, dann das Land) hat mit dem realen Mittelalter-Kaiser fast nichts mehr zu tun. Ebenso wenig wie die vielen werblichen Vereinnahmungen des Kaisers, die es im Kleinen bis heute gibt. So musste zum Beispiel ausgerechnet der ertrunkene Barbarossa gut 800 Jahre später als Namensgeber für die Göppinger Barbarossa-Therme herhalten. Hier wird mit dem Kaiser, der wohl die meiste Zeit seines Lebens im Sattel verbrachte, für ein Bad geworben - das die Gäste allerdings kaum in voller Ritterrüstung besuchen dürften. Sollte Barbarossa tatsächlich vom Kyffhäuser aus den Lauf der Welt betrachten, dann wird sich der alte Kaiser,vorausgesetzt, er hat Humor, beim Anblick der Barbarossa-Therme ein Lachen nicht verkneifen können.
 



Info Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Auszug aus einem Artikel, der in der September-Ausgabe der Zeitschrift "Schönes Schwaben" erschienen ist. Noch viel ausführlicher mit der Person Barbarossas hat sich Professor Knut Görich in seinem Buch "Friedrich Barbarossa - Eine Biografie" beschäftigt.