Ottenbach Unterwegs auf dem Franziskusweg

Ottenbach / TOBIAS FLEGEL 30.03.2013
Walter Hanel hat in seinem tschechischen Heimatort einen Franziskusweg angelegt. Den Besinnungspfad will er als Zeichen des Danks verstanden wissen. Dem Namensgeber dürfte die Arbeit des Ottenbachers gefallen haben.

Ihre Heimat vergessen Menschen nicht. Elternhaus, Bolzplatz und andere Orte der Jugend haben sich meist tief ins Gedächtnis eingebrannt. Ob sich Erwachsene später an die Stationen der Kindheit noch erinnern wollen, steht dagegen auf einem anderen Blatt.

Walter Hanel will es. Der 76-Jährige lebt zwar schon seit rund 60 Jahren in Ottenbach, doch sein Heimatort Blahutovice ist ihm bis heute wichtig. In dem kleinen Dorf nahe der slowenischen und polnischen Grenze hat ein Vermächtnisverein wichtige Gebäude in den vergangenen zehn Jahren restauriert. Als Dank für den Wiederaufbau einer heruntergekommenen Kapelle und eines zerfallenen Klosters hat Walter Hanel einen Franziskusweg rund um das Dorf angelegt.

Ein ähnlicher Besinnungspfad im Kreis Göppingen war Vorbild für das Geschenk. "Ich habe mir überlegt, wie ich mich für die Arbeit des Vereins erkenntlich zeigen kann", berichtet Hanel. Die Idee dafür sei ihm bei der ersten Begehung des Ottenbacher Franziskuswegs gekommen. Die etwa sieben Kilometer lange Strecke rund um den Ort hat ein Zusammenschluss von Einwohnern, Vereinen sowie Vertretern von Kirchen, der Verwaltung und anderen Gruppen 2008 Jahren ins Leben gerufen und eingeweiht. "Ich habe den Ottenbacher Franziskusweg ein bisschen kopiert", gibt Walter Hanel zu.

Ein schlichtes Abbild ist der Rundweg in Blahutovice aber nicht. Der Pfad und seine Raststellen tragen den Stempel ihres Schöpfers. "Ich habe das Material besorgt und alle Stationen selbst gebaut", sagt Hanel. Rund vier Monate habe er an den Schildern, Figuren und Zeichen gesessen. Bevor er jedoch die Utensilien besorgte und sein Werkzeug in die Hand nahm, holte er sich beim Bürgermeister des Ortes die Erlaubnis für das Vorhaben.

Die zehn Zeichen sowie Schilder mit Gedanken des Franziskus sollen den Wanderer einladen zur inneren Einkehr. "Die Leute können an den Stationen beten oder nachsinnen", erklärt Hanel. Den Wind hat er symbolisiert durch eine Schnur mit bunten Fähnchen und einem Glockenspiel. Das Element Wasser durch einen Brunnen, Feuer durch eine Laterne auf einem Pfahl und den Tod deutete er an durch ein Kreuz aus Stein, das vor einer Kapelle steht. Die Raststellen entsprechen dem Aufbau von Franziskus Sonnengesangs. Das Gebet ist die Vorlage für Franziskuswege.

Ähnlich dem Gang durch ein Labyrint führt auch Hanels Weg wieder zu seinem Ausgangspunkt. "Anfang und Ende sind beim Kloster", sagt er. Ein Franziskus aus Holz über dem Eingang schicke die Wanderer auf die rund vier Kilometer lange Entdeckungstour und empfange sie wieder. Auch diese Figur hat Hanel selbst geschnitzt.

Die meditative Reise rund um Blahutovice haben schon einige Neugierige angetreten. "Es sollen Schulklassen, Klosterschwestern und Besucher aus der Stadt Brünn durchgelaufen sein", berichtet der 76-Jährige. Eingeweiht habe den Rundweg der Ortspfarrer Anfang September vergangenen Jahres.

Der Besinnungspfad bildet den vorläufigen Abschluss von Hanels Bemühungen in seinem Heimatort. Dessen wenige religiöse Stätten drohten noch vor rund 15 Jahren einzustürzen. "Die Krieger-Gedächtniskapelle im Dorf war total zerfallen", berichtet er. Diese Entdeckung machte der Mann aus Ottenbach 1999 bei seinem ersten Besuch in dem Dorf nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Das Gotteshaus, eine Waldkapelle und ein Kloster sind die drei wichtigen Orten des Glaubens in Blahutovice. Bauern errichteten die Gedächtniskapelle 1922, um an die Gefallenen im Ersten Weltkrieg zu erinnern. Das Kloster entstand 1924 auf dem Grundstück eines Landwirts, der sein Haus und Land dem Ort vermachte hatte.

Der Anblick der maroden Kleinode erschütterte Hanel. "Wir waren schockiert wie heruntergekommen die Häuser waren", berichtet er. Läutete jemand die Glocke der kleinen Kirche, habe der Turm gewackelt. Schuld am Zerfall seien die einstigen Machthaber gewesen: "Die Kommunisten machten einen Zaun um die Kapelle, dass niemand darin betet." Ebenso schlecht stand es um das Kloster. "Das Gebälk war verfault, die Mauern eingefallen und durchs Dach regnete es rein."

Der Niedergang seiner Gotteshäuser tat nicht nur Hanel weh. "Der Bürgermeister bat Besucher um Spenden für die Renovierung der Kapelle", berichtet er. Den Aufruf leitete Hanel an einstige Flüchtlinge in Deutschland weiter und sammelte durch seine Bettelbriefe rund 14 000 Mark. Nachdem Handwerker drei Monate an ihr gearbeitet hatten, wurde die Gedächtnis-Kapelle am Pfingstsonntag 2001 wieder eröffnet.

Die Erneuerung war die erste Etappe bei der Wiederherstellung der drei Glaubensstätten. Durch den Einsatz von Freiwilligen und Spenden wurden inzwischen auch die andere Kapelle und das Kloster restauriert. Großen Anteil an ihrer Erneuerung hatte Walter Hanel: Er sammelte gebrauchte Kleider, Fahrräder und andere ausrangierte Dinge in Deutschland, die ein Vermächtnisverein in seinem Heimatdorf zu Geld machte. Den Erlös verwendeten die Mitglieder, um Baumaterial für das Kloster zu kaufen. In dem Haus feierten die Gläubigen aus dem Ort 2008 die erste Messe - ein schöner Moment für die früheren Einwohner. "Wir waren froh, dass die drei Sachen wieder so waren, wie wir sie verlassen haben", sagt Hanel.

Freiwillig kehrte der 76-Jährige seiner Heimat nicht den Rücken. Wie viele andere Deutschstämmige wurde Hanel nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem östlichen Teil des früheren Reichs vertrieben. "Wir haben den Ort im Viehwagen verlassen", berichtet Hanel. Die Flucht des damals Zwölfjährigen sollte in Göppingen enden.

Der Vertriebene schlug im Stauferkreis Wurzeln, blieb seiner Heimat aber verbunden. Noch während des Kalten Kriegs reiste Hanel hinter den Eisernen Vorhang, um das in Blahutovice umbenannte Plattendorf wiederzusehen. Bei diesem Besuch fiel ihm der Niedergang vieler Gebäude auf.

Seine Anstrengungen für die Erneuerung der Kapellen und des Klosters haben ihm viel Anerkennung eingebracht. Der Landschaftsrat der Vertriebenen ernannte ihn zum Ehrenbürger, zwei Jahre später bekam er eine Verdienstmedaille. Schicksalsgenossen aus dem früheren Plattendorf und die Bewohner des heutigen Blahutovice bedankten sich mit diesen Auszeichnungen für seinen Beitrag zur Versöhnung der beiden Gruppen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel