Göppingen Unsere Region ist kein zweites Ruhrgebiet

Professor Willi Diez (am Rednerpult) und Gewerkschafter Martin Purschke (links) waren die Gäste auf der „Blauen Couch“ mit Moderator Helge Thiele (Mitte), Redaktionsleiter der NWZ.
Professor Willi Diez (am Rednerpult) und Gewerkschafter Martin Purschke (links) waren die Gäste auf der „Blauen Couch“ mit Moderator Helge Thiele (Mitte), Redaktionsleiter der NWZ. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Von Axel Raisch 13.04.2018
Die Premiere der „Blauen Couch“ wartete mit einem „Streitgespräch“ zur Zukunft unserer von der Automobilindustrie geprägten Region auf.

Sind wir das neue Ruhrgebiet? Werden wir ähnliche Probleme bekommen, Arbeitsplätze verlieren und einen Strukturwandel durchmachen? Nein, meinten Professor Willi Diez, der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft der Geislinger Hochschule sowie Martin Purschke, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall im Bezirk Göppingen/Geislingen übereinstimmend bei ihrer Diskussion auf der „Blauen Couch“ in der Göppinger Stadtkirche. Es gelte jedoch, flexibel und frühzeitig auf die Herausforderungen zu reagieren, so die Experten weiter. Dazu zählt ihrer Meinung nach auch eine breite gesellschaftliche Debatte und Beschäftigung mit dem Thema.

Genau dafür möchten die Evangelische und Katholische Erwachsenenbildung, die Volkshochschule, das Haus der Familie und der Kooperationspartner NWZ mit ihrer neuen Veranstaltungsreihe „Blaue Couch“ sorgen.

Unter der Leitung von NWZ-Redaktionsleiter Helge Thiele wurde das komplexe Thema strukturiert in Angriff genommen und nach Lösungsansätzen gesucht. Sowohl Diez als auch Purschke riefen alle Beteiligten aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft dazu auf, die Veränderung als Herausforderung zu begreifen und sie aktiv in Angriff zu nehmen. Mit genauen Prognosen taten sich beide schwer.

Diez, der selbst mit dem E-Auto angereist war, meinte: „Die E-Mobilität kommt nicht so schnell. Die Übergangsphase wird bis weit in die Mitte des Jahrhunderts reichen“, prophezeit er. Zudem dürfe das Thema nicht isoliert gesehen werden. Auch die Digitalisierung spiele eine große Rolle. „Schon heute ist das Auto ein Smartphone auf Rädern“, so Diez. Es werde vom Transportmittel zum Lebensraum. Dazu würden Systeme benötigt, die entwickelt, produziert und eingebaut werden müssten und damit für Arbeit sorgten. Ein dauerhafter Erfolg sei zwar nicht automatisch gesetzt, aber die Voraussetzungen seien gut, um die Zukunft zu gestalten. Die Region habe starke Marken, sei wach und „gut unterwegs“.

Metall-Gewerkschafter Martin Purschke, der mit einem VW Diesel gekommen war, sieht im Gegensatz zu den bereits aktiven großen Firmen eine gewisse „Lethargie“ bei den kleineren Zulieferern in der Region. Man müsse sich aber auf den Wandel einstellen und ihn mitgestalten, forderte der Gewerkschafter. Arbeitnehmer dürften nicht demotiviert werden, um sie auf diesem Weg des Wandels mitnehmen zu können. Wichtig ist ihm auch der gesamtgesellschaftliche Aspekt: „Alle werden sich aufmachen müssen“, sagte er. Martin Purschke gewann sogar dem Diesel-Skandal etwas Positives ab, da er Schwung in den Umbauprozess der deutschen Automobilindustrie gebracht habe.

Was das Publikum bewegte

Beteiligung In der Publikumsrunde wurde teils detailliert nach Techniken und Grenzwerten gefragt und kommentiert. Die nicht sehr zahlreichen Zuhörer nahmen aber auch die großen Linien des Themas in den Fokus. So war beispielsweise von Interesse, wie die Zukunft der Lkw aussieht, und welche Zukunft für den stationären Handel gesehen wird.

Auto-Handel Neben einer weiteren Konzentration auf wenige Ketten sahen die beiden Experten weiterhin eine Zukunft für den Handel, nicht zuletzt aufgrund der deutschen Mentalität, das Auto sehen und testen zu wollen. Dabei zähle  auch die persönliche Beratung.

Lastwagen Die größte Zukunft für die Brennstoffzellen-Technologie sieht der Automobilexperte Willi Diez bei den großen Lastwagen.