Comedy Türken haben’s schwer

Spielend, singend und tanzend hat Özcan Cosar der Genesis in seinem neuen Programm ein Update verpasst.  Foto: Giacinto Carlucci
Spielend, singend und tanzend hat Özcan Cosar der Genesis in seinem neuen Programm ein Update verpasst. Foto: Giacinto Carlucci © Foto: Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Hans Steinherr 14.01.2017

Erdal für Eva. Der deutsch-türkische Comedian Özcan Cosar verpasst der Genesis ein Update. 99 Prozent des Gemütszustandes bestünden aus Melancholie, der Rest aus Pessimismus. Jedenfalls beim türkischen Mann.

Kein Wunder, meint Cosar, wenn man in Deutschland als Türke angesehen wird und in der Türkei als Deutscher. Für den Comedian aus dem Stuttgarter Stadtteil Hausen ist das aber jetzt vorbei. Er hat die Prozedur des „Türkzorzismus“ über sich ergehen lassen. Jetzt ist er Deutscher. Mit Pass und Personalausweis. „Wer sich für etwas entscheidet, hat sich gegen etwas zu entscheiden“, sagt er. Er hat sich gegen eine Karriere als Zahnarzthelferin und für die eines Comedian entschieden (siehe Infobox).

Mit deutschem Pass in Händen und türkischem Blut in den Adern ist man bereits fähiger Völkerkundler. Automatisch. Auch ohne Studium. So hat der 35-Jährige aus ethnologischem Wissen ein spritziges Comedy-Programm generiert und füllt mit seinem Programm „Adam und Erdal“ Stadthallen – wie am Donnerstagabend die Göppinger mit überwiegend jugendlichem Multikulti-Klientel.

Özcan Cosar ist ein hintergründiger Beobachter, er weiß, wie Deutsche und Türken ticken, mimt, wie sie handeln, und parodiert die Unterschiede in den Kulturen. Er kommt dabei zweieinhalb Stunden ohne Häme aus und ist nur selten politisch, aber dabei immer gekonnt unterhaltsam.

Also raus aus dem Paradies, rein in die Hallen: Erdal ersetzt Eva und Cosar verpasst der Genesis ein Update 2.0. Türken haben einen schweren Stand. Deutsche Männer sind euphorisch, wenn sie Vater werden, türkische ängstlich. Was, wenn es ein Mädchen wird und einen Deutschen heiraten will? Wenn die Ausländer-Raus-Rufer hierzulande sich durchsetzten, gingen doch deutsche Frauen sofort auf die Barrikaden. Hätten sie dann doch nur noch deutsche Männer zum Sex. Cosar wirkt multilateral authentisch, war Zeitungsausträger, Operator für Laserdruck, Tanzlehrer, machte eine Sportlehrerausbildung, jobbte in der Gastronomie und ist deutscher Meister im Breakdance. Mit Tanz garniert Cosar denn auch sein Programm. Und er singt. Hinzu kommt schauspielerisches Talent. Seit 2012 startet er durch – in der Comedy-Szene und privat. Im selben Jahr heiratet er und ist inzwischen Vater zweier Töchter. Wen die wohl mal heiraten?

Als Comedian habe er einen Gendeffekt, sagt Özcan Cosar. Er sei immun gegen Humor. Sonst würde er die ganze Zeit selber lachen. So überlässt er es seinen Fans. Bleibt letztlich nur die Frage, warum er kein Model geworden ist. Eitel sind sie nämlich auch, die Männer, – die türkischen, die deutschen und die deutsch-türkischen.

Von der Zahnarzthelferin zum Comedian

Weil der Vater von ihm eine anständige Ausbildung verlangte, beginnt Özcan Cosar im Jahr 2000 eine Lehre als Zahnarzthelferin. „Ich war der einzige Typ in der Klasse“, sagt er „Ich war der einzige Typ auf der Schule. Aber irgendwann habe ich mich integriert, hab’ mir die Fingernägel angemalt, die Augenbrauen ­gezupft, und nach zwei Monaten hab’ ich meine Tage gekriegt.“ Bei der Abschlussfeier wurde ihm der Zahnarzthelferinnenbrief überreicht. Das war zu viel. Cosar verlangte einen korrigierten Brief und hängte den Beruf an den Nagel.

Preise 2012 ist die Premiere von Adam & Erdal. Im selben Jahr gewinnt er den Trierer Comedy Slam, die Master Comedy Clash Stuttgart und den Comedy Slam Düsseldorf. 2013 erhält er den Förderpreis des Kleinkunstpreises Baden Württemberg, 2015 den Publikumspreis bei Tegtmeiers Erben.

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