Mit dem "eckigen Tisch" im Göppinger Rathaus wollte die Initiatorin Clarissa Merzenich den Vertretern aus Politik und Gesundheit die aktuelle Situation der Hebammen im Landkreis aufzeigen. Sie startete mit einem Überblick über das Arbeitsfeld ihres Berufsstandes. Sie zeigte auf, dass ihr Verantwortungsbereich von der Familienplanung bis in die Stillzeit reicht. Im Laufe dieser Zeit gilt es, die Schwangerschaft zu beobachten, eventuelle Risiken zu erkennen, die Geburt vorzubereiten und zu betreuen und in der Nachsorge die Mutter und das Neugeborene zu überwachen.

Merzenich wies darauf hin, dass jede Frau einen gesetzlichen Anspruch auf Hebammenhilfe hat und den Geburtsort frei wählen darf. Somit sei der Gesetzgeber verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass dieses Recht erfüllt wird. Doch die aktuelle Situation ist, dass viele Frauen gar keine Hebamme mehr finden, da seit Jahren viele Hebammen aus ihrem Beruf aussteigen. Der Grund dafür ist, dass die Haftpflichtprämien unverhältnismäßig zu der geringen Vergütung, die sie erhalten, steigen. Denn die durchschnittlichen Kosten, die in einem Schadensfall entstehen, sind den Versicherungen zu hoch. Ab dem Jahr 2016 ist sogar gar keine Versicherung mehr bereit, Hebammen zu versichern.

Das bedeutet das Ende einer persönlich gebundenen Betreuung vor und nach der Geburt. Dabei sei die Hebammenbetreuung eine primäre Prävention, wenn es darum geht, Familien maximal zu stärken, wie Merzenich erklärte. Im Landkreis arbeiten von den 43 im Hebammenverband gemeldeten und versicherten Hebammen 15 freiberuflich und der Rest in der Klinik am Eichert. Davon acht zusätzlich freiberuflich. In der Klinik erblicken im Schnitt 4,1 Kinder am Tag das Licht der Welt, begleitet von zwei Hebammen, die sich jeweils eine Schicht teilen.

Aktuell sind zwei Stellen dabei nicht besetzt. Denn junge Frauen schrecken vor diesem Beruf angesichts des unsicheren Hintergrundes zurück, wie Jutta Eichenauer, erste Vorsitzende des Landesverbandes des DHV, erläuterte.

Im zweiten Teil der Veranstaltung forderte Merzenich die Gäste auf, gemeinsam an einer lokalen Lösung zu arbeiten. Zwar wies der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till darauf hin, dass das Versicherungsproblem nur von der Bundesebene aus gelöst werden kann, doch da er auch aus eigener Erfahrung um die Wichtigkeit von Hebammen weiß, ließ er sich gerne auf den Vorschlag der CDU-Landtagsabgeordneten Jutta Schiller ein. Sie bot an, in Form eines Arbeitskreises Ideen für den Landkreis Göppingen zu entwickeln, um die Arbeit der Hebammen aufrechterhalten zu können.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens versicherte, dass auch der Gesundheitsausschuss des Bundestages sehr ernsthaft an einer Lösung für die Versicherungslage der Hebamme arbeitet. Sie betonte, dass auch schon Maßnahmen praktiziert wurden, jedoch viele Ideen auch schon an verfassungsrechtliche Grenzen gestoßen sind.

Die Hebamme Maria Casado-Bernert schloss die Veranstaltung, über die sie bemerkte: "Ich möchte einmal darstellen, in welcher Not wir sind", mit dem Hinweis, dass sie sich sehr auf den Arbeitskreis freut.