Porträt Tüchtig und mit starkem Willen

Göppingen / Margit Haas 14.06.2018

Das Foto zeigt eine ältere Frau, gezeichnet vom harten Leben, das von Schicksalsschlägen geprägt war. Die Historikerin Claudia Liebenau-Meyer hat den Lebensweg Caroline Märklins nachgezeichnet und kommt zu dem Schluss: „Sie muss eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit gewesen sein, die in einer Zeit ein Unternehmen leitete, als sie als Frau geschäftsunfähig war.“

Caroline war 1826 in Ludwigsburg geboren. Mit 33 Jahren heiratete sie den zehn Jahre älteren, verwitweten Göppinger Theodor Friedrich Wilhelm Märklin. Zunächst lebte und arbeitete das Paar in der Kirchstraße 14. Sie arbeiteten eng zusammen und sorgten für den Erfolg des Unternehmens. Jeder hatte seinen eigenen Bereich. Während Theodor Friedrich Wilhelm für die Produktion verantwortlich war, kümmerte sich Caroline um den Verkauf. Sie kann als eine der ersten weiblichen Handlungsreisenden gelten, die weit über die Stadt hinaus im Königreich unterwegs war, um die Waren zu verkaufen. Aber auch im badischen Karlsruhe und sogar in der Schweiz in St. Gallen und Luzern war sie mit ihren Musterbüchern unterwegs. „Eine Frau, die im 19. Jahrhundert für den Absatz der Waren eines handwerklich organisierten Betriebes zuständig war, das war etwas Besonderes“, bekräftigt Claudia Liebenau-Meyer. Denn Frauen waren ja lange noch nicht geschäftsfähig. Und so brauchte Caroline auch die Einwilligung ihres Mannes für die Reisen. Wieder zu Hause, musste sie sich den Wünschen ihres Mannes unterordnen, war von seiner Großzügigkeit abhängig und in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt. Ob es ihr leicht fiel, sich nach der Freiheit auf Reisen zu Hause wieder unterzuordnen, ist nicht bekannt. Darüber schweigt auch die unveröffentlichte Familienchronik von Sohn Eugen.

Das Paar war tüchtig, das Unternehmen wuchs. Da traf die Familie ein einschneidender Schicksalsschlag. Theodor Friedrich Wilhelm starb an den Folgen eines Sturzes im Dezember 1866. Caroline blieb zurück mit vier Kindern. Sohn Carl war erst sechs Monate alt. Eugen war fünf, Wilhelm sieben Jahre alt und eine Tochter aus der ersten Ehe ihres Mannes lebte auch noch bei ihr. Caroline stand jetzt also da mit einer Firma, die hauptsächlich Hausartikel aus Blech herstellte, in der Vorweihnachtszeit zudem Kinderspielzeug. Über das Familienvermögen konnte sie nicht alleine verfügen. Ihr wurde ein Pfleger zur Seite gestellt, der genau darauf achtete, dass alles mit rechten Dingen zuging. Auch den gut gehenden Betrieb konnte sie nicht alleine führen. Ihr blieb nur ein Ausweg: Sie musste heiraten, einen Mann aus ihrer Zunft und so dafür sorgen, dass der Betrieb ihren Söhnen erhalten blieb. „Dieses Ziel scheint Caroline Märklin nie aus den Augen verloren zu haben“, stellt die Biographin fest. Im eigenen Betrieb wurde die Witwe „fündig“. Dort arbeitete der Flaschner Julius Eitel. 1868 heirateten sie. Sie war das, was man als eine gute Partie bezeichnen konnte. Der 23 Jahre jüngere Julius dagegen brachte nur Schulden mit in die Ehe, die Caroline beglich. Die Ehe wurde nach einer nicht unüblichen Rechtsform geschlossen. Demnach gehörte das während der Ehe erworbene Vermögen beiden. Der Ehemann allerdings verwaltete es alleine – auch das Vermögen, das die Frau mit in die Ehe eingebracht hatte.

Caroline drängte darauf, den gut eingeführten Firmennamen Märklin zu erhalten. Im Unternehmen aber ging es bergab. Eitel machte Schulden, nahm sich 1886 das Leben. Caroline war 60 Jahre alt und ein zweites Mal verwitwet. Ihre Söhne Carl und Eugen stiegen in das Unternehmen ein. Die Voraussetzungen waren gut: Eugen war Kaufmann, Carl Metalldrücker. Sie bauten die Firma aus und Eitels Schulden ab. 1891 gelang ihnen der große Coup: auf der Spielwarenmesse in Leipzig stellten sie die weltweit erste uhrwerkbetriebene Modelleisenbahn vor. „Das war der eigentliche Durchbruch“.

Caroline „hat den Erfolg ihrer Söhne noch miterlebt“, wie auch die Umzüge des expandierenden Unternehmens in die Marktstraße (heute Modehaus Fink) und in die Stuttgarter Straße. 1893, im Alter von 67 Jahren verstarb sie. „Der Mutter Liebe und starker Wille legten den Grund zu unserem Unternehmen. Ihr Glaube an die Zukunft überdauerte das Schwere ihrer Ehe. Der Name unserer Mutter wird im Hause Märklin fortdauern“, hatte ihr Sohn Eugen geschrieben.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Kreis Göppingen seinen 80. Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Porträtreihe „Starke Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin und Sportlerin oder Engagement im Ehrenamt – die Serie soll Frauen und ihre Arbeit zeigen. 

Bisher wurden Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz-Döring, Marga Lorch, ­Renate ­Mutschler, Birgit Göser, ­Gabriele  von  Trauchburg, Claudia Leber, Helene Mühlhäuser, Emilie Eisele, Pia Schäfer-Mayer, Margret Keller-Rehm, Marianne Rasch und Josy Beinke vorgestellt.

Kooperation Die Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der Geislinger Zeitung. Die Porträts erscheinen in loser Folge.

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