Der Islamische Staat und andere radikale Gruppen instrumentalisieren Religion und Koran für ihre Zwecke. Dieser Befund war eine der Botschaften eines christlichen und eines muslimischen Theologen auf der evangelischen Bezirkssynode am Dienstagabend in Göppingen.

Bei dem jährlichen Treffen von Geistlichen und Kirchengemeinderäten machten Siegfried Zimmer und Abdelmalek Hibaoui Vorschläge, wie sich Christen und Muslime besser verstehen und friedlich zusammenleben können. Ihre Empfehlungen untermauerten sie mit persönlichen Erfahrungen, Zitaten aus dem Koran sowie Ergebnissen der Religionsforschung.

Beide Referenten warben in ihren Vorträgen für den direkten Austausch zwischen den beiden Religionsgemeinschaften. "Je weniger persönlichen Kontakt sie mit Muslimen haben, desto größer sind ihre Vorurteile", sagte Siegfried Zimmer. Dieser Mahnung schloss sich Abdelmalek Hibaoui an: "Das Kennenlernen ist der Schlüssel zum Zusammenleben", sagte er. Gespräche beseitigten Stereotypen und förderten Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen Christen und Muslimen zutage.

Offenheit und Wohlwollen gegenüber dem Anhänger einer anderen Religion betrachten die beiden Wissenschaftler als ein Mittel gegen Missgunst und Gewalt. Der Rückzug in versteckte Winkel einer Stadt oder Gemeinde begünstige Spekulationen: "Viele wissen nicht genau, was in Hinterhofmoscheen gepredigt wird", sagte Hibaoui. Durch dieses Unwissen entstünden Vorurteile. Muslime könnten Mutmaßungen über sie entkräften, wenn sie ihre Gotteshäuser nicht in abgelegenen Vierteln oder Industriegebieten einrichteten, sondern einer zentrale Lage.

Einen falschen Eindruck von Christen und Muslimen erweckt auch die Berichterstattung mancher Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender, finden die beiden Wissenschaftler. "Ich kam mit Vorurteilen nach Deutschland, die auch von den Medien vermittelt wurden", gab der Marokkaner Abdelmalek Hibaoui zu. Eine einseitige Berichterstattung über Muslime attestiert Siegfried Zimmer wiederum manchen Medien in Deutschland.

Die Macht von Fernsehen und Internet hat der Islamische Staat erkannt. Zimmer vermutet, dass fundamentalistische Bewegungen die heilige Schrift der Muslime für ihre Ziele missbrauchen: "Viele Kollegen nehmen an, dass die Anführer den Koran für politische oder andere Zwecke instrumentalisieren".

Ein besseres Verständnis vom Islam vermittelte Hibaoui anhand ausgewählter Stellen aus dem Koran. Die Zitate und Passagen sollten deutlich machen, dass die Religion andere Glaubensrichtungen respektiert und Gewalt ablehnt. "Das Wetteifern, um etwas Gutes zu tun, heißt Muslim oder Christ zu sein", sagte Hibaoui. Für Siegfried Zimmer sollten Gläubige ohnehin das Augenmerk mehr auf die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam legen als auf deren Unterschiede.

Kenner ihres Fachs

Doppelpack Siegfried Zimmer lehrte bis vor wenigen Jahren evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Ebenfalls dort ist Abdelmalek Hibaoui Lehrbeauftragter für Islamische Theologie. Er ist außerdem akademischer Mitarbeiter an der Universität in Tübingen und begleitete ein Islamprojekt der Stadt Stuttgart.

Ein Kommentar von Tobias Flegel: Muslime sind Verbündete

Eine multikulturelle Gesellschaft scheint vielen Menschen gegen den Strich zu gehen. Einer Umfrage zufolge sehen 57 Prozent der Menschen in Deutschland den Islam als eine Bedrohung an. Dieses Ergebnis berichtete ein muslimischer Theologe Vertretern der evangelischen Kirche bei ihrem jüngsten Treffen. Der persönliche Austausch zwischen Christen und Muslimen kann Vorurteile abbauen. Das wissen Anhänger von Religionen und anderer Gruppierungen im Kreis. Die evangelische und katholische Kirche sowie die türkischen Vereine haben vor wenigen Tagen die christlichen-islamischen Gespräche neu belebt. Diesem Treffen ging ein Gebet für den Frieden auf dem Markplatz in Göppingen voraus. Neben diesen Bemühungen der beiden Glaubensgemeinschaften kämpft der "Verein Göppingen nazifrei" gegen Fremdenfeindlichkeit im Kreis. Schade ist: Ohne ein schlimmes Ereignis scheint es diese Anstrengungen nicht zu geben. Das Gebet für den Frieden war eine Antwort auf den Terroranschlag in Frankreich Anfang des Jahres, und der wiederbelebte Gesprächskreis ist ein weiteres Resultat davon. Der Verein gegen Neonazis bietet ebendiesen seit mehreren Aufmärschen die Stirn. Beim Kampf gegen Vorurteile sind die Muslime im Kreis ein wichtiger Verbündeter. Sie können ihre Religion anderen am besten erklären. Gelingt ein solcher Austausch dauerhaft im Kreis, dürfte der Islam kein Schreckgespenst bleiben.