Ein Glanzlicht der Musikwelt, um 1740 komponiert, jedoch erst in den vergangenen Jahrzehnten in den Konzertsälen etabliert, wurde am Dienstagabend in der Göppinger Stadthalle angeboten. Der Kulturkreis hatte dazu den französischen Pianisten Alexandre Tharaud eingeladen, dessen Platteneinspielung der „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach viel Aufmerksamkeit erregt hat. Ein gut, wenn auch nicht vollständig besetzter Saal wollte diese Interpretation erleben, und, soviel sei vorweggenommen, die hoch gespannten Erwartungen wurden glänzend bestätigt.

Über Entstehung und Zweck des Werkes kursiert eine hübsche, allerdings von den meisten Musikwissenschaftlern bezweifelte Geschichte, wonach Baron Hermann Karl von Keyserlingk, Russischer Gesandter am Dresdner Hof, das Werk in Auftrag gegeben hat, um seine nächtlichen Stunden der Schlaflosigkeit aufzuheitern. Gesichert ist jedoch, dass ein vermögender Musikliebhaber bei Bach ein Werk bestellt hat, das sein Hauscembalist Johann Gottlieb Goldberg für ihn spielte – daher der später aufgekommene Name „Goldberg-Variationen“. Bach nahm dafür eine Aria aus dem Notenbüchlein, das er für seine Frau Anna Magdalena verfasst hatte, und schrieb dazu nach einem präzisen Bauplan dreißig Variationssätze.

Höchst feinfühlig, häufig im zartesten Pianissimo, stellte der Alexandre Tharaud die zweiteilige Aria im Charakter einer eleganten Sarabande vor. Mit geringen Verschiebungen von Tempo und Dynamik spielend, formte er ein kostbares Kleinod, das nun als Ausgangspunkt der Variatio­nenreihe dienen sollte.

Bach zieht für die Veränderungen allerdings nicht die Melodie heran, sondern die Basslinie, wodurch zwar die Anforderungen an den Hörer steigen, andererseits aber der Erfindungsgabe des Komponisten zur Gestaltung der Melodiestimmen keine Grenzen gesetzt sind. In Dreierpäckchen werden dabei jeweils eine Tanz­form, ein freies Virtuosenstück und ein Kanon vorgetragen.

Dass bei allen Struktur-Über­legungen gleichwohl die Musik die Hauptrolle spielt, bewies Alexandre Tharaud aufs Schönste. Mal flott tanzend, mal majestätisch auftrumpfend, dann wieder fein ziselierend und Schlusstöne verhauchen lassend, gab er jeder der Variationen ihr eigenes Profil. Wunderbar, wie er (in Variation 13) unter einer Kantilene mit zahlreichen Verzierungen auch den Bass zu seinem Recht kommen ließ! Überhaupt ging es Tharaud bei aller – durchaus gefordeten –  Kunstfertigkeit des Klavierspiels vornehmlich darum, den Vortrag transparent zu halten. Das stellt eine große Herausforderung dar, weil Bach das Werk für ein zweimanualiges Cembalo konzipiert hat. Tharaud verstand es jedoch glänzend, durch Über- und Ineinandergreifen sowie unterschiedlichen Anschlag auch auf dem Klavier die erwünschte Differenzierung zu erzeugen.

Nach einem Lamento, das seine Klage geradezu in himmlische Sphären zu schicken schien (Variation 25), bekam Tharaud vermehrt Gelegenheit zur Demon­stration seiner Virtuosität. Und lange schon waren Partikel zu hören, die die letzte Variation ankündigten, ein Quodlibet aus zwei Liedern, von denen eines mit dem Text beginnt „Ich bin so lang nit bei dir gwest…“; darunter konnte auch die Rückkehr zum Beginn durch die Wiederholung der Aria verstanden werden, womit Alexandre Tharaud, quasi als Abgesang, seinen exzellenten Vortrag zu Ende brachte, der die gebannten Zuhörer noch lange in atemloser Stille verharren ließ.

Klassik-Echo für Goldberg-Variationen


Für neun Monate hat sich Alexandre Tharaud aus dem Konzertsaal zurückgezogen, um seine Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen zu erarbeiten und auf CD festzuhalten. Für die so entstandene DVD wurde Tharaud mit dem insgesamt dritten Echo-Klassik-Preis ausgezeichnet. Er spielte in dem Film „Liebe“ von Michael Haneke mit, der einen Oscar und einen Golden Globe gewonnen hat. Auch ein Buch hat Tharaud geschrieben: „Montrez-moi vos mains“ – Zeigen Sie mir Ihre Hände (2017) handelt vom zuweilen einsamen Leben eines Solisten, die Sucht nach der Bühne, den Drang zur Perfektion.