Wenn Leinwände mit Füßen getreten werden, kann es auch Kunst sein. Am vergangenen Sonntagabend bei der Eröffnung der neuen Ausstellung in der Göppinger Kunsthalle jedenfalls überraschten die Kuratorin Gisela Sprenger-Schoch aus Stuttgart und Göppingens Kunsthallenchef Werner Meyer so manchen der zahlreichen Besucher mit dieser Erkenntnis.

Höhepunkt zu Beginn des Jahres

Die Ausstellung – ohne Zweifel ein Höhepunkt schon zu Beginn des jungen Ausstellungsjahres – geht zwei Monate lang einher mit einem interdisziplinären Projekt zum Thema „Tanz. Bewegung. Geste. Bild“. Geboten werden Einblicke in die Wechselbeziehung und Grenzauflösung der Bereiche Tanz und Bildende Kunst. Fast die komplette Stirnseite, gleich links vom Eingang in die große Ausstellungshalle, wird dominiert von Sasha Waltz‘ monumentalem „Improptus Painting“. Dieses Gemälde diente als perfektes Bühnenbild für eine Performance der beiden Stuttgarter Ballett-Tanzkünstler Marieke Lieber und Adrian Turner.

„Mit den Körpern im Raum zeichnen, so sehe ich meine Arbeit“, sagt Sasha Waltz. Mit Farbpigmenten und Wasser an blanken Füßen ließ die deutsche Opernregisseurin im Jahr 2004 ihre Choreografie gleich von mehreren Tänzern zum Bild gerinnen. Mit ihrer Tanzperformance vollzogen Marieke Lieber und Adrian Turner diese Entstehungsgeschichte und Bildwerdung ausdrucksstark nach. Tanz und bildende Kunst – auch das macht die neue Ausstellung deutlich – erfordern vollen emotionalen, mentalen und körperlichen Einsatz. Wenn Grenzen von Disziplinen aufgelöst werden, werden auch Gemeinsamkeiten ersichtlich. Es geht in der Ausstellung darum, Bewegung im Raum zum zweidimensionalen Werk zu gestalten, Spuren, die Bewegung hinterlässt, sichtbar zu machen. „Bewegung ist die Erschließung von Raum und Zeit“, betonen Gisela Sprenger-Schoch und Werner Meyer. Mit 90 Werken – überwiegend Leihgaben aus dem In- und Ausland – ist die Ausstellung bestückt. Mit Malerei, Zeichnung, Skulpturen und Videoaufführungen. Gut anderthalb Jahre habe es gedauert, die Ausstellung zusammenzutragen, zu kuratieren, erklärt Gisela Sprenger-Schoch.

Die Kunsthalle Göppingen liefert auf 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche Einblick und Zugang. „Ich habe den Fokus auf Werke, die im 20. und 21. Jahrhundert entstanden sind, gelegt“, erklärt Sprenger-Schoch. „Weil zu dieser Zeit Experimentierfreude und Erforschung der Bereiche von der Bewegung zur Bildwerdung am intensivsten waren und vibrierende Kraftfelder geschaffen wurden.“

Schön gestalteter Katalog

Die Göppinger Ausstellung ist eine Ausstellung, die in jeder Hinsicht bewegt. Der äußerst anspruchsvolle Ausstellungskatalog ist zugleich ein hilfreicher, verständlicher Führer durch die Schau. Auch der Besucher wird zum Künstler, zum Choreografen. Indem sein Bewegungsmuster durch die Ausstellungsräume ein ganz individuelles, aber unsichtbar bleibendes Bild hinterlässt.

Öffnungszeiten der Ausstellung


Öffnungszeiten der Ausstellung sind: Dienstag bis Freitag, 13–19 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen 11–19 Uhr (bis 24. März). Für Schulklassen und Gruppen wird auch außerhalb dieser Zeiten geöffnet.

Symposium Ergänzt wird die Ausstellung durch ein Symposion am 23. Februar, das sich mit experimentellen Formen der Bildwerdung von Bewegung beschäftigt, mit Auftritten von Tänzern und Künstlern, Filmveranstaltungen und einem differenzierten Kunstvermittlungsprogramm.