Interview Subjektives Bedrohungsgefühl hat zugenommen

Rudi Bauer aus Göppingen ist Vorsitzender der Initiative „Sicherer Landkreis“.
Rudi Bauer aus Göppingen ist Vorsitzender der Initiative „Sicherer Landkreis“. © Foto: Sabine Heiss
Göppingen / Arnd Woletz 09.01.2018
Zivilcourage ja, aber nicht um jeden Preis, empfiehlt Sicherheitsexperte Rudi Bauer.

Die Hemmschwelle sinkt, Pöbeleien oder gar tätliche Angriffe auf Mitarbeiter in Behörden nehmen zu. Wie die Kommunen darauf reagieren und wie man sich als Bürger verhalten sollte, wenn man solche Vorfälle beobachtet, darüber spricht der Vorsitzende der „Initiative Sicherer Landkreis“, Rudi Bauer, der im Hauptberuf Polizist ist.

Was sind die wichtigsten Hinweise, dass Pöbeleien gegen Behördenmitarbeiter zunehmen?

Rudi Bauer: Man wird als Vorsitzender, als Polizist und auch als Stadtrat öfter angesprochen und merkt, dass die Angst bei manchen Berufsgruppen wächst. Bei der Polizei gehen Anzeigen in normalem Maße ein, aber die Vorfälle unterhalb der Schwelle zur Anzeige, die haben bedeutend zugenommen, also Pöbeleien und Aggressionen, die das subjektive Gefühl der Mitarbeiter betreffen, dass sie sich bedroht fühlen.

Gibt es Behörden, die von aggressiver Klientel besonders betroffen sind?

Zum Beispiel die Bußgeldstelle oder alle anderen Stellen, wo es um Geld geht. Wenn Mitarbeiter bei der Agentur für Arbeit oder beim Landratsamt einem Bürger bescheiden müssen, dass er kein Geld bekommt oder weniger, sind diese Mitarbeiter natürlich besonders gefährdet.

Die Initiative „Sicherer Landkreis“ hat dazu ja eigens eine Veranstaltung angeboten. Wie war die Resonanz?

Die hohe Zahl der Anmeldungen zeigte, dass das subjektive Gefühl der Aggression wächst. Das gilt im übrigen nicht nur bei Behörden, sondern beispielsweise auch beim Einzelhandel.

Ist das Problem in den Chefetagen bei Kommunen und Behörden schon angekommen und wird ausreichend berücksichtigt?

Man hat immer Luft nach oben, aber vielerorts wurde schon umgestellt, beispielsweise bei der Agentur für Arbeit. Die technischen Möglichkeiten werden oft angenommen. Beim Weg der Kunden vom Empfang zur richtigen Stelle, da kann man noch nachbessern auch bei der Bewertung ob jemand gefährdet wird oder nicht. Da haben wir noch viel zu tun.

Wenn man Pöbeleien oder Aggressionen beobachtet. Wie soll man sich dann richtig verhalten?

Patentlösungen kann man nicht geben. Man muss das im Einzelfall betrachten. Man sollte sich jedenfalls nicht scheuen, die 110 zu wählen, denn jede Sekunde, die im Einzelfall vergeht, kann die Sekunde sein, die am Ende fehlt.

Zwei syrische Flüchtlinge, die in einer Göppinger Bank einen Angreifer gestoppt haben, wurden von der Polizei zu „Helden des Alltags“ gekürt. Was haben die richtig gemacht?

Einer der Asylbewerber, ein junger, sportlicher Mann, hat beherzt eingegriffen. Wichtig war, dass andere anwesende Bankkunden mitgemacht, sich solidarisiert haben und den Angreifer so weit ruhig gestellt haben, dass keine Gefahr mehr von ihm ausging. Doch die Einschätzung ist immer schwierig. Man sollte sich jedenfalls nie selber gefährden. Zivilcourage ja, aber nicht um jeden Preis.

Zur Person: Rudi Bauer

Seit zwei Jahren ist Rudi Bauer (59) Vorsitzender der Initiative „Sicherer Landkreis“. Der Göppinger engagiert sich außerdem im Gemeinderat seiner Heimatstadt und ist als Stadtführer aktiv. Im Hauptberuf ist Bauer Erster Polizeihauptkommissar in der Pressestelle beim Polizeipräsidium Ulm.

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