Jeden Morgen fuhr Bruno Nagel mit dem Bus von Hohenstaufen nach Göppingen. Dort war der Künstler in den vergangenen zehn Tagen als „Stadtschreiber“ unterwegs – und das für alle sichtbar. Mit Kreide schrieb er eigene und fremde Gedanken sowie Gedichte zum Thema Heimat, Flucht und Integration auf den Asphalt, suchte das Gespräch mit Passanten, ließ die Menschen von ihrem Leben erzählen. Nagel sprach mit alteingessenen Göppingern, Zugezogenen,  Flüchtlingen.

„Daheimatlotse“ lautet der Name des Kunstprojekts im öffentlichen Raum, das heute Abend um 18 Uhr mit einer Leserede Nagels vor dem Freihof-Gymnasium zu Ende geht. Unterstützt wurde die zehntägige Aktion von der Göppinger Stadtbibliothek und dem Kulturreferat. „Von ihnen war der Impuls gekommen, ich habe das Konzept ausgearbeitet“, erzählt Bruno Nagel. Mit diesem bewarb sich Göppingen für den von der Baden-Württemberg-Stiftung veranstalteten 8. Literatursommer, der von Mai bis Oktober  stattfand.  Leider vergeblich, doch die Stadt war von Nagels Konzept so angetan, dass sie beschloss, dieses auch ohne Zuschüsse umzusetzen.

Der in Hohenstaufen lebende Künstler hat bei seiner Arbeit auf Straßen und Plätzen viele positive Erfahrungen gesammelt: „Die Menschen haben einen großen Hunger nach Kommunikation. Viele sind allein mit sich und wollen erzählen. Ich kam immer wieder in Gespräche unterschiedlichster Art. Es ging um Heimat und Heimweh, Flucht und Sehnsucht, Integration und Toleranz.“ Die eine oder andere kritische Reaktion, zum Beispiel zur Finanzierung der Flüchtlinge, nahm Nagel sportlich – und diskutierte.

Die Internationalität Göppingens begegneten Nagel auf Schritt und Tritt – und der Künstler erinnert daran, dass in Deutschland 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben, von denen 700.000 ein Unternehmen führen.

Bei Bruno Nagels Leserede wird heute Abend ein weiteres Gedicht geschrieben – auf Deutsch und auf Farsi. Helge Thiele

www.daheimatlotse.blogspot.de