Auswanderer Statt der Kinder zogen die Eltern aus

Jebenhausen / Judith Reischl 21.09.2018
Das Ehepaar Vollmer aus Jebenhausen hat sich zum Auswandern auf Zeit entschlossen und lebt jetzt drei Jahre lang in Schweden.

In einem Alter, in dem die Kinder ausziehen, haben es Connie und Gerd Vollmer andersherum gemacht: „Wir Eltern sind ausgezogen“, sagen die beiden Schwaben aus Jebenhausen, die in der Region um die Teck verankert sind, und lachen. Es ging gleich 1600 Kilometer weit hoch in den Norden: nach Skövde in Mittelschweden.

Angefangen hat das Schweden-Abenteuer der beiden Schwaben mit der Frage Gerds: „Connie, willst du mit mir nach Schweden gehen?“ und wie beim Heiratsantrag kam das „Ja“ von Connies Seite ohne nachzudenken, ohne zu zögern aus vollem Herzen. Die Mittfünfziger erinnern sich daran gern zurück.

Doch was zu Beginn so leicht zu bejahen war, wurde dann doch recht spannend und schwieriger als gedacht. Mit dem Gepäck, das in den Kofferraum ihres Autos passte, machten sich die beiden auf den Weg ins Ungewisse. Denn es gab noch kein richtiges Zuhause: Sie wohnten zuerst in einer kleine Hütte auf einem Campingplatz, dann in einem Ferienhaus, bis sie endlich glücklicherweise ein komfortables Haus zur Miete fanden. Erst dann konnten sie ihre Möbel und damit ihren Alltag und ihr Zuhause nachholen. Die neue Bleibe, etwa 40 Kilometer von Gerds Arbeitsplatz entfernt, ist perfekt getroffen. „Wir genießen die Lebensqualität, die wir hier in Skövde haben“, erzählt Connie.

Ausgangspunkt des Schweden-Abenteuers für das Ehepaar war eine sogenannte Entsendungsanfrage von Gerd Vollmers Arbeitgeber. Er ist bei einer vormals in Eislingen, dann in Saarbrücken angesiedelten, amerikanischen Firma für Gartengeräte beschäftigt. Als der Manager gefragt wurde, ob er für die Dauer von drei Jahren den Aufbau des skandinavischen und baltischen Marktes übernehmen wolle, nachdem er europaweit den Export und auch schon den russischen Markt betreut hatte, kam das Ganze ins Rollen.

„Wir hatten schon immer den Traum, einmal im Ausland zu leben, verschoben dieses Abenteuer wegen der Kinder jedoch auf später“, erzählt Connie Vollmer, und ihr Mann ergänzt: „Eine Wochenendbeziehung, so wie wir sie lange Jahre, als die Kinder noch klein waren, gelebt hatten, wollten wir nicht mehr. Deshalb die Frage an meine Frau: Willst du mit mir nach Schweden?“

Gerd Vollmer gibt jedoch zu bedenken: „In einem fremden Land zu leben und zu arbeiten, ist total anders als im Urlaub.“ Für Cornelia Vollmer hatte die Entscheidung, sich auf das dreijährige Abenteuer Schweden einzulassen, größere Konsequenzen: Die Sachbearbeiterin musste für ihr Auslandsabenteuer ihre Stelle aufgeben.

Doch das entspannte Leben in Skandinavien sagt beiden zu. „In Schweden ist das Leben weniger stressig als in Deutschland, beruflich wie privat“, da sind sich beide einig. Aber – so freundlich und hilfsbereit die Leute hier sind – in punkto Freundschaften schließen sind die Schweden ähnlich zurückhaltend wie die Schwaben, sagen die beiden schmunzelnd.

Vollmers haben letzten Winter mit dem Langlauf begonnen. Kein Wunder, mit 40 Kilometer präparierter Loipe, zum Teil beleuchtet, direkt vor der Haustür im Naherholungsgebiet Billingen. Da bleibt es nicht bei einer Sportart. Bislang größtes Projekt für das aktive Ehepaar war die Vorbereitung für das Radrennen „Vättern Runt“, eine Radrennen für die Allgemeinheit, mit rund 20.000 Teilnehmern, das 300 Kilometer um den See Vättern führt. „Ein Riesenerlebnis“, erinnert sich Gerd. „Man muss schon 1000 Kilometer in den Beinen haben, dann erst läuft das Rennen gut“, Nach zwölfeinhalb Stunden Fahrzeit und Zwischenstopps mit schwedischen Fleischbällchen, kamen beide ins Ziel. „Fürs Training mussten wir uns erst mal ein Rennrad kaufen – und nun fahren wir gerne nach Feierabend auch mal eine größere Runde“, erzählt Connie.

Die neue Liebe zum Rennradfahren und im Winter zum Langlaufen werden die Vollmers sicherlich irgendwann aus Schweden mit nach Schwaben bringen, da sind sie sich sicher, zudem eine Portion der schwedischen Gelassenheit und die Kaffeepause „Fika“ mit Zimtschnecken.

Außer Familie und Freunde vermissen die Schwaben aber im Norden nichts – nach einigem Nachdenken fällt den beiden dann doch noch etwas ein: frische Laugenbrezeln.

Tipps für Reisende in Mittelschweden (Skaraborg)

Nicht nur Elche: Zwischen 300.000 und 400 000 Elche leben nach Schätzungen in Schweden – wer also nicht gerade in einer Großstadt wohnt, früh aufsteht oder in der Dämmerung spazieren geht, hat sehr gute Chancen, diese stattlichen Tiere beobachten zu können.

Einsamkeit genießen: Wohnen in Deutschland circa 227 Einwohner pro Quadratkilometer, sind es in Schweden gerade mal 22, also nicht mal ein Zehntel. So kann man sich als Reisender relativ sicher sein, viele der Sehenswürdigkeiten weitgehend für sich allein entdecken zu können. Das ist speziell nach Mitte August der Fall, wenn in Schweden die Schule wieder begonnen hat und die Haupturlaubssaison vorbei ist.

Göta-Kanal: Den Göta-Kanal kann man mit dem Auto, Boot oder Fahrrad entdecken (mehr Infos unter www.gotakanal.se/de/). Ein weiterer Reisetipp ist Schloss Läckö, eine wahre Perle am Ufer des Vänern. Und am Hornborgasee sammeln sich Ende März bis circa Ende April 10.000 Kraniche und „tanzen“. Der See liegt im Dreieck von Skara, Falköping und Skövde. jr

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