Porträt Starke Frauen: Porträt von Ulla Biskup

Hier, zwischen Bücherei-Regalen, fühlt sich Ulla Biskup wohl. „Literatur ist für mich ein Stück Leben im Hier und Jetzt.“
Hier, zwischen Bücherei-Regalen, fühlt sich Ulla Biskup wohl. „Literatur ist für mich ein Stück Leben im Hier und Jetzt.“ © Foto: Andrea Maier
Göppingen / Andrea Maier 06.11.2018

Die Stimme ist klar, deutlich und laut genug. Nur ein klitzekleines Reiben in den tiefen Töne verrät einen Hauch von Nervosität. Sie liest oft vor kleinen und größeren Gruppen, bei unterschiedlichen Anlässen und am liebsten aus Büchern, die sie selbst schätzt. Ulla Biskup ist „Die Vorleserin“ – seit vielen Jahren regelmäßig in der Göppinger Stadtbibliothek.

Ein Kind des Ruhrgebietes, ein Kind mit fünf Geschwistern, ein Kind des Krieges, ein Kind ohne Vater – der starb, bevor sie ihn erleben konnte. Mutter und Großmutter haben die Kinder durch die schwierigen Jahre gebracht. Der beste Platz in Ullas Welt damals war bei der Familie ihrer Tante im Münsterland. Es gab genug zu essen, die Bomben fielen sehr weit weg vom Himmel und da waren viele Kinder, die mit ihr spielten, als ihre älteren Schwestern und Brüder mit der Mutter nach Recklinghausen zurückkehrten. Die Mutter verhärtete ohne ihren Mann, den einst angesehenen Journalisten, neben all den vielen Bücher im heimischen Regal verbitterte sie ohne das kulturelle Leben an seiner Seite.

Die Kinder spürten dies Gefühl der Minderwertigkeit, nahmen es mit sich. Ulla brach zuerst in Gedanken aus, floh in die so ganz anderen Welten in ihren Romanen. Gleich nach dem Abitur war sie dann wirklich weg, fand Arbeit im Kulturhaus des British Council, besuchte die Schule für wissenschaftliche Bibliothekarinnen in Frankfurt. Jetzt hatte sie Bücher im Überfluss um sich, sortierte und katalogisierte sie. In ihrer kleinen Wohnung las sie kaum etwas aus den Wisssenschaften, dafür Lyrik und Prosa. Ein Freund aus Jugendtagen lebte in Freiburg, sie traf ihn dort wieder und blieb. Am Freiburger Seminar für wissenschaftliche Politik öffneten sich der Bibliothekarin neue Türen in weite Welten.

Es war in den 70ern, der Zeitgeist bebte. Ulla und Dieter entschieden sich füreinander, haben geheiratet und zogen zu einer Arbeitsstelle nach Neuss an den Rhein. Kulturschock und ein dreckiger Fluss, hier wollten sie nicht bleiben. Ihre Tochter wurde geboren, bevor sie 1973 nach Esslingen zogen, dort dann der Sohn.

Dieter bekam eine Stelle in Göppingen, sie zogen 1979 ins Bergfeld, dahin, wo viele Familien lebten, bunt gemischt. „Die Vielfalt in der Siedlung ist der Hauptgrund, warum wir noch immer dort wohnen.“ Das Lesen blieb in all den Jahren, egal wo und wie, ihre Stütze, ihre unsichtbare Quelle. Thommi Roos’ legendäre Buchhandlung, der „Bücherwurm“, war ihr Lieblingsort, und als die Kinder selbständiger wurden, arbeitete sie dort ab und an mit. „Mein Gehirn kam wieder in Schwung“, sie lacht glücklich bei dieser Erinnerung und erzählt von so vielen Lieblingsbüchern.

In der Buchhandlung tauchte sie wieder ein in die Literatur der Zeit, wollte mehr, fand sich im Aktionstheater Donzdorf am richtigen Platz. Sie vertrat ihre schwangere Freundin Armi in der Stadtbibliothek und wurde später fest angestellt, tauchte immer tiefer ein in die vielen Schatztruhen zwischen den Buchdeckeln. Seit Mitte der 90er Jahre präsentiert Ulla Biskup in der Bücherei die „Lesezeit“. Sie liest mit Begeisterung vor, will Literatur anderen Menschen nahe bringen, sie mit ihrem Vorlesen zum Weiterlesen animieren. Sie liest laut und deutlich in aller Öffentlichkeit, „weil Literatur ein so wichtiger Standort für Kultur ist“.

Sie nimmt sich die Freiheit, nur zu lesen, was sie selbst schätzt, und das sind nicht selten Geschichten, in denen sich Frauen gegen etwas in ihrer Zeit wenden. Romane, in denen weibliche Stärke entwickelt wird, Frauenbilder gezeigt werden, die Mut wachsen lassen. Auch Historisches mag sie sehr. „Literatur ist für mich ein Stück Leben im Hier und Jetzt, mit den Hintergründen, aus denen heraus wir uns entwickeln.“ Ein Satz, der viel sagt, genau so wie: „Literatur bietet mir die Gelegenheit, mein eigenes Leben kritisch aufzuarbeiten, eben nicht in alten Mustern zu verharren, mich anders zu entwickeln, als es vielleicht naheliegend schien.“

Ulla Biskup hat sich Kraft, Mut, Inspiration und eine große Freiheit für ihr Leben aus der Literatur geholt. Vielleicht ist die überzeugte Leserin auch deshalb eine überzeugende Vorleserin, die gerne weiter gibt, was sie selbst gewonnen hat: „Nicht zuletzt die Unvoreingenommenheit anderen Lebensentwürfen gegenüber – das ist für ein gutes, friedliches Miteinander ziemlich brauchbar!“

Info In der Reihe „Lesezeit“ präsentiert Ulla Biskup morgen ab 17 Uhr „Lincoln im Bardo“ von George Saunders.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel