Er läuft und läuft. Setzt einen Fuß vor den anderen. Monoton treffen die beiden weißen Gummisohlen auf den Asphalt. Zwischen Heiningen, Ursenwang und dem Göppinger Müllheizkraftwerk läuft Sandro Caputo einen Marathon. 42,2 Kilometer auf einem Rundkurs von 7 Kilometern. Langeweile? Ganz im Gegenteil. Seine Frau begleitet ihn mit dem Rad. Auf den letzten drei Runden löst ein Freund ab. Gibt ihm das Tempo vor. Denn ab einem gewissen Punkt schaltet der Kopf auf Durchzug.

Samstagmorgen. 14 Grad. Den blauen Himmel bedeckt kein einziges Wölkchen. Kilometer 10 und es wird immer wärmer. Die Steigung in der Mitte des Rundkurses schlaucht, bei jedem Durchgang aufs Neue. Am Sonntag wäre der 51-Jährige in Freiburg mit Tausenden auf der Strecke gewesen. Der Veranstalter sagte den Wettkampf jedoch am 10. März ab. „Es war absolut richtig, dass sie ihn abgesagt haben“, sagt der Göppinger, der im ersten Moment eine riesige Enttäuschung spürte.

Zu diesem Zeitpunkt lagen zwei Monate intensives Training hinter ihm. Ein Freund meldete sich, als dieser von der Absage des Laufs erfuhr. „Ich kam gerade aus einer Besprechung zum Thema Corona“, erzählt der Bankkaufmann, der bei der Kreissparkasse Firmenkunden betreut und in diesen Tagen mit vielen Unternehmern über deren Existenzängste spricht.

Enttäuschung legte sich schnell

Im ersten Moment dominierten Wut und Enttäuschung. „Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen können.“ Am Abend hatten sich die negativen Emotionen gelegt. „Da wurde mir klar, dass es ein Luxusproblem ist. Denn ich kann weiterhin laufen. Es gibt Menschen, die von der Krise weitaus stärker betroffen sind als ich.“

Kilometer 36. Die Beine fühlen sich an wie Blei. Von oben brennt erbarmungslos die Sonne herab. Die langen Ärmel sind längst in die Armbeugen geschoben. „Ich kann keinen Berg mehr sehen.“ Sandro Caputo quält sich über die Strecke. Sie besteht aus viel Asphalt, Schotterwegen, ein bisschen Dreck.

Er hat das Ziel zwar vor Augen, aber jeder Schritt tut jetzt weh. Da helfen auch Wasser und Cola vom Versorgungsfahrrad nur noch wenig. Eine Freundin begleitet ihn eine Weile und spielt Musik von seiner Lieblingsband Queen ab. Selbstverständlich darf immer nur einer in der direkten Nähe sein.

Die Entscheidung, den Marathon vor der Haustür zu laufen, fiel erst in den Tagen vor dem eigentlichen Termin. „Ich habe lange damit gehadert, ob ich soll, darf und kann.“ Seine Laufgruppe unterstützte ihn in der Entscheidung, das wochenlange Training nicht ohne Schlusspunkt enden zu lassen und plante ursprünglich ein Event für diesen Tag. Bis das Kontaktverbot erlassen wurde und die Ideen nicht mehr umsetzbar waren. Kein Anfeuern, keine Siegerehrung, kein gemeinsames Bier auf den Marathoni.

Nur noch wenige Meter fehlen, um den Traum wahr werden zu lassen. Einer seiner Söhne wartet an einer Gabelung, motiviert ihn und rennt den Rest der Strecke mit. Dann steht die erlösende Zahl auf dem Display der Laufuhr. Sandro Caputo lässt sich in die Wiese am Wegesrand fallen und ist den Tränen nahe.

„Laufe den Marathon im Kopf“

„Ein Marathon ist Körperverletzung. Ich finde es aber interessant, wie weit man den Körper bringt. Mit Willenskraft“, sagt der Göppinger. „Es macht mir Spaß, meine Grenzen auszutesten. Die Schmerzen sind natürlich da. Man möchte während dem Lauf immer mal wieder aufhören. Aber: Ich laufe meinen Marathon im Kopf. Der muss stärker sein als der Körper.“

Seine Strategie geht auf. Auch wenn die Zielzeit mit etwas mehr als vier Stunden ihn nicht zufriedenstellt. Doch in Freiburg hätte er nicht annähernd so viele Höhenmeter überwunden wie zwischen Katzenbach, Eschenbach und Heubach. Eine weitestgehend ebene Runde zu finden in der Region, war eine Herausforderung. Die alte Bahntrasse von Rechberghausen nach Gmünd, auf der er mehrmals Distanzen um die 30 Kilometer trainierte, hatte in Summe fast so viele Höhenmeter wie der Barbarossa-Berglauf. Bei seinem Marathon waren es nun noch mehr Hügel als gedacht.

„Es ist ein Privileg, dass ich laufen kann. Der Rahmen war jetzt ein anderer, aber in meinem Kopf waren viele dabei“, sagt der 51-Jährige. Direkt nach dem Marathon ruft ein Freund an, gratuliert. Auch per Whatsapp kommen Videobotschaften von denjenigen, die nicht dabei sein können. Das Bier auf ihren Marathoni trinken die Läufer zu Hause und schicken Bilder.