Spaßige Eiszeit

Etwas tapsig unterwegs - bei diesem Wetter jagt man sogar einen Hund aufs Eis.
Etwas tapsig unterwegs - bei diesem Wetter jagt man sogar einen Hund aufs Eis.
SWP 11.02.2012

Während bei der arktischen Kälte viele daheim bei einer Tasse Tee auf bessere Zeiten warten, zieht es andere in die

Natur. Zum Beispiel zum zugefrorenen Charlottensee bei Uhingen.

Von Dirk Hülser und

Giacinto Carlucci (Fotos)

Knack. Was sich hier einfach so liest wie "knack", ist in Wahrheit viel lauter. Ein knallender, tiefer, bedrohlich klingender Laut, der aus dem Eis kommt. Nur ganz leicht an den Fußsohlen zu spüren, dennoch unheimlich. Nicht für Marga Nagel. Sie lacht. "Das ist doch normal." Sie ist ja auch nicht zum ersten Mal auf dem zugefrorenen Charlottensee zwischen Uhingen und Sparwiesen. "Ich bin halt als Kind Schlittschuh gelaufen", erzählt sie. "Aber jetzt bin ich schon den dritten Tag hintereinander hier, das muss man doch ausnutzen."

So wie Marga Nagel tummeln sich an diesem Mittwochnachmittag viele Kufenfans bei schönstem Winterwetter auf der perfekten Eisfläche, die in der Februarsonne glitzert - zumindest an den Stellen, wo jemand den Pulverschnee mit dem Besen beiseite geräumt hat, damit die Schlittschuhe noch besser gleiten. Angst hat hier niemand, die meisten sind ohnehin Stammgäste und haben vollstes Vertrauen in die dicke Eisschicht - auch wenns mal knackt.

Zwar wärmt die Sonne die roten Nasen und Backen jetzt schon ein kleines bisschen, jeden Tag hat der Stern etwas mehr Kraft. Doch warm ist anders. "Ich habe drei Schichten an", sagt die kleine Alicia - und nimmt wieder Anlauf, um schließlich in ihrem dicken Schneeanzug rücklings übers Eis zu schlittern. Immer nur auf den Kufen zu flitzen, ist schließlich auch langweilig - vor allem, wenn man so oft da ist wie das kleine Mädchen aus Uhingen: "Ich bin fast jeden Tag hier." So wie ihr Bruder Pierre, der schon vier Tage hintereinander die Nachmittage auf dem See verbringt und gerade versucht, ein Blatt im Eis durch Rubbeln mit seinem Handschuh freizulegen. Ein Unterfangen, das von mäßigem Erfolg gekrönt ist. Der Opa lacht. "Heute Abend kommen die ins heiße Wasser rein und dann ist Ruhe daheim."

Unterdessen füllt sich die Eisfläche, unentwegt kommen neue Leute, um das seltene Vergnügen zu genießen. "Das ist viel schöner als in einer Eishalle, da gehe ich nicht hin", sagt Marga Nagel, die extra aus Göppingen gekommen ist. Sie trauert dem Eisplatz an der Blumenstraße nach, "da habe ich das Schlittschuhlaufen gelernt". Heute lernen die Kinder den Sport eben auf dem See. So wie Jakob, der elegant seine Runden dreht, knirschend hinterlassen seine Kufen Spuren in der dünnen Schneedecke. Wer den Jungen sieht, käme nicht auf die Idee, dass heute erst sein dritter Eislauf-Tag ist; er fährt so, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes getan.

Mittlerweile sind auch die ersten Eishockeyspieler eingetroffen, nach den Hausaufgaben wird der Stift gegen den Schläger ausgetauscht. Und der See bietet genügend Platz für alle, der Puck, der hin und her übers Eis schießt, stört hier niemanden. Auch nicht Peter Sperling aus Uhingen. Der 70-Jährige kommt schon seit Jahren zum Charlottensee, wenn die Temperaturen es erlauben. "Das ist doch das Paradies hier." Wer wollte ihm da widersprechen? Aus den Reihen des bunten Völkchens auf dem Eis tut es zumindest niemand.