Streng betrachtet müsste das "Tempo"-Taschentuch eigentlich "Geppo" heißen. Denn das Papiertaschentuch ist in Göppingen erfunden worden. Die Patentschrift vom 14. August 1894 trägt die Nummer 81094: "Der Zweck der vorliegenden Erfindung ist, den Gefahren der Uebertragung von Krankheitskeimen (Bacterien) durch Taschentücher bei all denjenigen ansteckenden Krankheiten, bei welchen die Ansteckungsgefahr durch Einathmen besteht, dadurch vorzubeugen, daß, anstatt aus irgendeinem Gewebe hergestellte Taschentücher zu benutzen, welche ihres relativ hohen Preises wegen längere Zeit wiederholt gebraucht werden, Taschentücher verwendet werden, welche man sofort nach dem Gebrauch zerstört (verbrennt oder sonstwie unschädlich macht)."

Kurz gesagt, der Göppinger Papierfabrikant Gottlob Krum hat sich hier das Papiertaschentuch patentieren lassen. Das "Tempo" war also erfunden. Erfunden, aber nicht richtig vermarktet. Denn sonst würde es vielleicht tatsächlich "Geppo" heißen und hätte als solches seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Bis es soweit war, sollten aber mehr als 30 Jahre vergehen. Und dann war es auch kein Göppinger Unternehmen, das die Erfindung vermarktete. Am 29. Januar 1929 meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt in Berlin ein Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff unter dem Namen "Tempo" an.

Warum die Erfindung, die heute aus dem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken ist, nicht in Göppingen ihren Erfolg feierte, dafür hat Stadtarchivar Karl-Heinz Rueß eine einleuchtende Erklärung. "Die Aufforderung, einen einmal benutzten Gegenstand gleich wieder wegzuwerfen, war wohl 1894 mit gelebter schwäbischer Sparsamkeit kaum vereinbar und damit der Misserfolg der Marktneuheit besiegelt." Die Papierfabrikation hatte in Göppingen eine lange Geschichte. 1727 schon hatte der Müller Paul Meyer (ihm gehörten die Obere und Untere Mühle) die Erlaubnis bekommen, in der Unteren Mühle - auf dem heutigen Gelände der Firma Schuler - eine Papiermühle einzurichten. Der Standort war aber schlecht gewählt: zu wenig Wasser und das auch noch eingefärbt von den benachbarten Rotgerbern. Die Papiermühle zog um in den "Nonnenwasen" (Großeislinger Straße).

Nach anfänglich guten Umsätzen stockte die Geschäftsentwicklung zum Ende des 19. Jahrhunderts hin. Der Stuttgarter Verleger Eduard Hallberger ersteigerte die Papierfabrik und verkaufte sie 1871 eben an Gottlob Krum, der zunächst ein Bahngleis direkt zum Firmengelände legen ließ. Dessen Sohn Hermann (1868 bis 1959), der nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg als passionierter Reiter an der Großeislinger Straße eine Reithalle gebaut hatte, verkaufte das gesamte Unternehmen 1926.

Als sie 1934 noch einmal den Besitzer wechselte, war das Schicksal der Papierfabrik besiegelt. Die Papierfabrik Unterkochen ließ die Produktion von Papier sofort einstellen und verkaufte das Betriebsgelände an die benachbarte Gelatinefabrik von Paul Koepff. Damit endete eine gut 200-jährige Tradition, die - zur richtigen Zeit und mit dem entsprechenden Geschäftssinn - den Namen der Stadt Göppingen hätte weltberühmt machen können.

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