Pflege Sozialministerin diskutiert über Pflegealltag

Haben offene Ohren für die Sorgen der Pflegekräfte: Sozialministerin Katrin Altpeter (3.v.l.) und die SPD-Bundestagskandidatin Heike Baehrens (li.).
Haben offene Ohren für die Sorgen der Pflegekräfte: Sozialministerin Katrin Altpeter (3.v.l.) und die SPD-Bundestagskandidatin Heike Baehrens (li.). © Foto: Staufenpress
Göppingen / SUSANN SCHÖNFELDER 03.07.2013
Pflegekräfte müssen täglich im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Menschenwürde und Qualitätskontrollen ihren Berufsalltag meistern. Ministerin Katrin Altpeter (SPD) stellte sich den Sorgen und Nöten.

Minutenpflege, Papierkrieg, Finanzengpass: Pflegekräfte haben mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen. Bei einer Diskussionsrunde mit der Landessozialministerin Katrin Altpeter (SPD) nahmen Fachleute aus dem Kreis kein Blatt vor den Mund. Sie machten ihrem Unmut Luft, erzählten aus der Praxis und gaben der Ministerin konstruktive Vorschläge mit auf den Weg, wie ein finanzierbares, qualitativ hochwertiges und dem Menschen gerecht werdendes Pflegesystem aussehen könnte - gerade vor dem Hintergrund der alternden Gesellschaft und der Schwierigkeit, geeignetes Personal zu finden.

Eingeladen zu diesem Fachgespräch in die Göppinger Wilhelmshilfe hatte Heike Baehrens, die SPD-Bundestagskandidatin für den Wahlkreis Göppingen. Sie ist in ihrer Funktion als stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg tief drin im Thema Pflege und beschränkte sich daher bei ihrem Wahlkampfauftakt nicht auf die Moderation. Baehrens fordert: "Eine Pflegereform ist dringend notwendig. Wir brauchen eine neue Definition des Pflegebedürftigkeitsbegriffs."

Die Diskussion am Montagabend sollte einen Anstoß geben, über die künftige Ausgestaltung des Systems nachzudenken. Expertinnen aus dem Landkreis schilderten zunächst ihre Erfahrungen - aus Sicht der ambulanten und der stationären Pflege, aus der Perspektive eines Krankenhauses und der berufspolitischen Sicht. Im ambulanten Bereich - und hier vor allem in ländlichen Gebieten - machen den Pflegekräften die weiten Strecken zu schaffen. Die Fahrerei sei wirtschaftlich kaum machbar. "Dazu sind wir abhängig von der Laune mancher Krankenkassenmitarbeiter oder der Willkür der Krankenkassen", kritisierte Lore Nagel, Leiterin der Sozialstation in Donzdorf. Die Gesetze hielten allerhand Fallstricke bereit, Überstunden seien an der Tagesordnung, unzählige Antragsformulare und Dokumentationspflichten raubten den Pflegekräften viel Zeit. "Und dann müssen wir noch unangemeldete MDK-Besuche über uns ergehen lassen. Ich wage zu bezweifeln, dass die Qualität besser wird, wenn man uns ständig noch mehr prüft", ließ Lore Nagel Frust ab.

Die Bundestagskandidatin sprach nach diesen Schilderungen vom "ganz normalen Wahnsinn in der ambulanten Pflege", der Sozialministerin, selbst ausgebildete Altenpflegerin, klingelten die Ohren. "Das Problem ist seit längerem bekannt. In gewisser Weise hat sich die Situation zugespitzt, und es besteht dringend Handlungsbedarf", räumte Katrin Altpeter ein. Auch sie sprach sich für eine "anständige Pflegereform" aus, die den Einrichtungen eine finanzielle Auskömmlichkeit garantiere. Zudem hält es die Sozialdemokratin für unabdingbar, mit einer Image-Kampagne (hier waren einige Fachleute skeptisch) für soziale und pflegerische Berufe zu werben. "Es geht um eine gewisse Wertigkeit der Pflege", unterstrich Altpeter.

Um den Nachwuchs zu sichern, hält die Ministerin eine generalistische Ausbildung für den richtigen Weg. Das bedeutet, dass Pflegekräfte beispielsweise nicht auf die Arbeit auf einer Kinderstation festgelegt sind, sondern im Laufe ihres Berufslebens wechseln könnten. Auch über Rahmenbedingungen - Bezahlung und Arbeitszeiten - müsse geredet werden. Patricia Fischer vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe brach eine Lanze für eine eigene Pflegekammer, die die Interessen der Fachkräfte vertreten soll. Weitere Forderung aller Fachleute aus der Praxis: mehr Geld fürs Pflegesystem. "Da wird sich jede Partei Gedanken machen müssen", appellierte Margit Hudelmaier, Geschäftsführende Direktorin im Bereich Pflege- und Patientenmanagement an den Alb-Fils-Kliniken, an die Politiker.

"Es ist Druck im Pflegekessel", fasste Heike Baehrens nach zwei Stunden zusammen. Ihr Fazit: "Pflege braucht mehr Gehör. Und wir müssen uns gemeinsam für eine echte Pflegereform einsetzen." Die Beitragszahler müssten dafür jedoch tiefer in die Tasche greifen.

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