Satire Sittler liest Gewitztes von Hildebrandt

Brachte den galligen Witz des Kabarett-Großmeisters Dieter Hildebrandt auf den Punkt: Walter Sittler bei Odeon im Alten E-Werk.
Brachte den galligen Witz des Kabarett-Großmeisters Dieter Hildebrandt auf den Punkt: Walter Sittler bei Odeon im Alten E-Werk. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / SWP 16.01.2017

Am Anfang stand ein Verdacht. Ein ausverkauftes Altes E-Werk, Walter Sittler liest Texte von Dieter Hildebrandt, gefühlt jeder zweite Besucher war schon bei dessen Auftritt vor gut einem Jahr dabei: So viel Widerspruchsgeist weckende Aktivität müsste eigentlich das Misstrauen von Innenminister Thomas de Maizière wecken, meinte denn Sittler zu Beginn seines neuen Programms „Ich bin immer noch da!“.

Das war es aber zunächst mit der aktuellen Politik. Beim vierten Hildebrandt-Abend in fünf Jahren (die ersten beiden mit dem Meister selbst) ging es zurück zu den Anfängen der Republik. Sittler las bei Odeon aus einer Rede Hildebrandts zur Verleihung des Erich-Kästner-Preises 2013; Hildebrandt blickte darin zurück auf seine ersten Begegnungen mit dem großen Literaten und Moralisten Kästner in München, in einer Zeit, in der die Menschen noch immer „vor jeder Autorität stramm standen“ und so etwas wie „Courage ein Fremdwort blieb“.

Dass die Besucher trotz dieser drei Zeitebenen gebannt den Texten lauschten, lag zunächst einmal an den unglaublich klugen und gewitzten Texten Hildebrandts, der zeit seines Lebens ein scharfzüngiger, hellsichtiger Kommentator der immer stärker vom Kapitalismus geprägten Republik war.

Dass es ein unterhaltsamer Abend mit Tiefgang wurde, hatte das Publikum aber auch Walter Sittler zu verdanken, der weit mehr als ein Vorleser ist. Die graumelierten Haare sind ein ganzes Stück gewachsen seit dem letzten E-Werk-Besuch des Schauspielers, doch sonst hat sich wenig geändert: Noch immer leitet er elegant bis sprunghaft von eigenen, moderierenden Worten zum nächsten Gedanken Hildebrandts über. Ohne diesen imitieren zu wollen, bringt er die Texte auf den Punkt, mal gewitzt räsonierend, mal echauffiert – bis hin zu den typischen Wortwiederholungen an der Grenze zum Stottern, wenn er sich angesichts ehrloser Politiker in einen von trockenen Pointen durchsetzten Furor geredet hat.

So kann sich der gallige Witz des Kabarett-Großmeisters frei entfalten: etwa in der Schilderung der Pannen bei der Realsatire um den Berliner Flughafen, oder beim Thema Neonazis als V-Männer. „Wer die Nadel mit bloßem Auge nicht sieht, braucht auch keinen Heuhaufen.“ Allein für Sätze wie diesen hätte Hildebrandt einen Preis verdient, hätten ihn nicht, frei nach Gerhard Polt, schon zu Lebzeiten so viele Preise unbarmherzig verfolgt.

Die Fehlleistungen der Politiker bleiben an diesem Abend Randnotizen: Ob Merkels „uckermärkischer Furchengang“ beim Staatsempfang in der Mongolei oder das Dauergrinsen von „Flinten-Uschi“ – es taugt nicht mehr als Thema, sondern nur noch als Petitesse. Wie auch das Bonmot über unseren ehemaligen Landesvater: „Oettinger hat in Stuttgart keine Lücke hinterlassen, die hat er nach Brüssel mitgenommen.“

Sittler/Hildebrandt räsoniert über den jüdischen Witz, macht sich seine Gedanken über Nordic Walking mit „Walking Coach“ (Gehhilfe) – und sich über „Ski-Schießer“ (Biathleten) lustig. Und den ganzen Irrwitz der Mehrwertsteuer und ihrer vielen Ausnahmen bringt er mit wenigen Sätzen zum Thema Hotelbetrieb auf den Punkt. „Schlafen: 7 Prozent, mit Dame: 19 Prozent, mit Dame unter 19: wahrscheinlich 7 Prozent.“

Als letzte Zugabe eines großen Abends gab’s des Meisters Jahreszeiten-Zyklus. Es wird nicht die allerletzte Zugabe gewesen sein.

Von der Zugabe zum Nachschlag

Dieter Hildebrandt hatte lange an seinem letzten Programm gefeilt. 2013 wollte er damit auf Tour gehen. Dazu kam es nicht mehr. Am 20. November 2013 starb der Großmeister des Kabaretts. Dennoch war sein Programm „Letzte Zugabe“ auf der Bühne zu erleben – mit Walter Sittler als Rezitator. Hildebrandts Witwe hatte es so gewollt. Nicht nur der Schauspieler Sittler, auch dessen engagiertes Auftreten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 hatte ihr imponiert. Der TV-Darsteller erwies sich als Idealbesetzung. „Ich bin immer noch da!“ ist nun Sittlers zweites Satire-Programm mit Hildebrandt-Texten.  maz

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