Die Kunsthalle Göppingen hat sich mit der Führung „Kuscheln mit Chagall“ etwas Besonderes einfallen lassen zum Weltkuscheltag. Und da zeitgleich auch Weltjogginghosentag ist und es sich laut Pressemitteilung „in bequemer Atmosphäre viel besser kuscheln“ lasse, bekommen alle Besucher, die in legerer Freizeithose kommen, die Führung umsonst.

Also zurück zur Ausgangsfrage: Was für eine Hose trägt die Frau denn nun? „Natürlich Jogginghose“, antwortet diese. Wenig später steht sie mit 20 anderen Gästen – die meisten leger gekleidet – etwas verloren zwischen hunderten von Chagall-Bildern in der Oberen Halle, als Rebecca Haase den Raum betritt. „Hallo zusammen! Wer will kuscheln mit Chagall?“ Schnell schart die Kunsthistorikerin ihre Gruppe um sich. Dann geht’s auch gleich los.

Motive rund um die Liebe

In ihrer Führung setzt die 28-Jährige den Fokus natürlich auf Motive rund um die Liebe. Und da gibt es bei Chagall eine Menge zu entdecken: vom ersten Anbandeln in zarten Pastelltönen über lauschige Zweisamkeit bis hin zu drallen nackten Körpern ist alles zu sehen. Etwa der weibliche Akt mit Schoßhündchen, der die Wollust als eine von sieben Todsünden darstellen soll, aber bei Chagall zum augenzwinkernden Kommentar auf die menschliche Natur gerät. Oder auch David und Bathseba, kunstvoll zu einem Gesicht vereint. Und immer wieder Chagalls große Liebe Bella, die er mal im Porträt zu einem Liebesbrief, mal als „Reiterin mit Tauben“ zeigt – und in einem Brief herzallerliebst als „liebes kleines Eichhörnchen“ bezeichnet.

Dann wird es gemütlich, fast schon kuschlig: Große Kissen liegen einladend auf dem Boden aus – direkt zwischen den erotischen Bildern aus Tausendundeiner Nacht und den Bildern zum antiken Liebesroman Daphnis und Chloe. Haase legt sich ins Zeug, preist die Leuchtkraft der Bilder, erzählt Liebesgeschichten und preist das Hormon Oxytocin an, das beim Kuscheln freigesetzt wird und einen wunderbar entspannen lässt.

Allein, den Teilnehmern an der Führung ist offenbar nicht nach Entspannen zumute, der Abstand zwischen den Kisseninseln will einfach nicht kleiner werden, und sie werden auch nicht, wie Daphnis und Chloe in der Liebesgeschichte, von Amors Pfeil getroffen. „Sie kuscheln ja gar nicht!“, meint denn auch Rebecca Haase und lächelt. Wahrscheinlich hat sie sich so was ja schon gedacht. Also lässt sie eben doch Chagalls Bilder sprechen, die aber auch am Ende der Führung noch keine Nachahmer gefunden haben. Was hilft’s: Die 19 Teilnehmer sind in Kuschelstreik getreten.

Vielleicht sollte die Kunsthalle ja die Taktik ändern. In einer Region, in der Mitbürger noch nach 20 Jahren als „Rei'gschmeckte“ bezeichnet werden, braucht eine Kontaktaufnahme Zeit. Also lieber auf entspannungswillige Paare setzen. Wie wäre es mit einer Begleitveranstaltung zu den beiden Hochzeitsmessen am Wochenende? „Kuscheln für Fortgeschrittene“ sozusagen. Und im Mittelpunkt steht das „Vermählungsbild“ von Daphnis und Chloe. Wer dann noch kuscht statt zu kuscheln, dem oder der ist nicht mehr zu helfen.