Theatertage Sexistische Herzenskälte

Nehmen kein Blatt vor den Mund: Die Akteure von „Er.Sie.Es“ beschreiben ihre Ansicht von „Liebe“.
Nehmen kein Blatt vor den Mund: Die Akteure von „Er.Sie.Es“ beschreiben ihre Ansicht von „Liebe“. © Foto: Sabine Ackermann
Göppingen / Sabine Ackermann 05.02.2018

„Für Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet“, dieser Warnhinweis interessierte bei den 10. Kinder- und Jugendtheatertagen kein Mensch. Proppenvoll war’s im Odeon, für Schüler von 14 bis 17 Jahren und ein knappes Dutzend Lehrer stand Karen Köhlers Stück „Er.Sie.Es.“ auf dem Stundenplan.

Gackernd betreten drei Mädels die Bühne, stellen provokant des Mannes bestes Stück in Form eines pinken Dildos in den Fokus und plaudern bumsfidel über die Vor- und Nachteile: „Männer brauchen Pinkelziele“.  Dann stoßen die Jungs dazu, gemeinsam simulieren die Schauspieler im Halbdunkel mit obszönen Bewegungen und lüsternem Stöhnen einen Geschlechtsakt – erste verlegene Lacher der jungen Zuschauer folgen auf dem Fuß.

Doch schnell kehrt Ruhe ein, die Jugendlichen bleiben fortan stumm, vereinzelt sieht man peinlich berührte Gesichter. Schockstarre?! Mit erschreckender Deutlichkeit (er)leben Lisa Bräuniger, Julia Kemp, Norhild Reinicke sowie Frederik Kienle, Tim Tegtmeier und Markus Wilharm ihren anstößigen Text in ebensolchen Szenen, beschreiben mit allem Pipapo ihre Ansicht von „Liebe“. Kommentieren per Smartphone Geschlechtsteile, was diese bewirken oder ausführen können.

Nichts, aber auch gar nichts wird ausgelassen. Kein Versprecher, kein Hänger, keine Scham, das großartig agierende Sextett im Alter von 24 bis 36 Jahren sitzt, steht, liegt oder tanzt völlig unverkrampft auf der Bühne. Fein differenziert, was Betonung, Klang, Lautstärke, Mimik sowie Sprechtempo tangiert, die hartgesottenen Routiniers scheinen den Inhalt des nicht alltäglichen Vokabulars komplett ausgeschaltet zu haben.  Die „krassesten aller Gefühle“ werden chorisch gesprochen: Erste Begegnung, Freundschafts-und-intime-Bild-ohne-alles-Anfragen im Netz, erster Kuss mit Zunge, der „hoffentlich nicht zu nass, hoffentlich nicht so schlagsahnemäßig und hoffentlich überhaupt“ stattfindet. Und bei aller Rohheit wird dennoch klar, auch die Jugend will lieben und geliebt werden, sehnt sich nach dem Prickeln des Verliebtseins.

Perfekt, wie die Mimen das Dilemma, die Zwiespältigkeit und Gefühlswelt der Pubertierenden zwischen Unsicherheit und Erwartung, Hemmung und Lust beim bevorstehenden „ersten Mal“ ausdrücken. Dann sind sie wieder Kinder, die das, von dem alle sprechen, nicht einordnen können: Angst essen Seele auf. Sie haben Schiss vorm Wehtun, Jungfrau-Outing, schwitzigen Händen oder widerspenstigen BH´s. Das Resümee am Schluss der „Generation Porno?“  Viele Jungen und Mädchen fanden das Stück zu überzeichnet.