Der Missbrauchsfall im Pflegeheim der Wilhelmshilfe in Bartenbach weitet sich aus: Nach derzeitigem Stand sind zwischen August und Oktober 2017 nicht drei, sondern sechs schwer demenzkranke Bewohner sexuell missbraucht und dabei gefilmt worden. Die mutmaßliche Täterin, eine 47-jährige Altenpflegerin, war am vergangenen Donnerstag an ihrem Arbeitsplatz in Bartenbach festgenommen und noch am selben Tag einem Haftrichter vorgeführt worden. Seitdem sitzt die Frau in Untersuchungshaft. Das gab Matthias Bär, der Vorsitzende des Vorstands der Wilhelmshilfe, gestern Vormittag bei einer Pressekonferenz bekannt.

Wie die Staatsanwaltschaft Ulm  auf Nachfrage mitteilte, wird gegen die Altenpflegerin, die seit 2001 ununterbrochen bei der Wilhelmshilfe tätig war, unter anderem wegen Vergewaltigung ermittelt. Weitere Angaben zu der Art der Misshandlungen, die nach Angaben der Wilhelmshilfe bei der täglichen Körperpflege der betroffenen Bewohner durch die 47-Jährige begangen worden sein sollen, wurden nicht gemacht. „Wir sind geschockt“, sagte Bär gestern sichtlich mitgenommen. Er sprach von den „schwersten Tagen in meiner bisherigen Berufstätigkeit“. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Wilhelmshilfe, die im Landkreis unter anderem sieben stationäre Pflegeheime betreibt und 660 Mitarbeiter beschäftigt, sowie den Angehörigen der Opfer, sei ein seelsorgerischer Beistand angeboten worden.

Über Bekannten auf die Tat gestoßen

Auf die Spur der Altenpflegerin, die 1995 ihre Ausbildung in Stuttgart abgeschlossen hatte, war die Polizei durch Ermittlungen gegen einen Mann gekommen, der Mitte vergangenen Jahres im Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Tübingen festgenommen worden war. Bei ihm waren die Ermittler unter anderem auf die Videoaufnahmen der 47-Jährigen gestoßen, die diese dem Mann übermittelt hatte. Die Frau und der Mann sind nicht verheiratet und nicht verwandt, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Fest steht, dass gegen den Mann wegen ähnlicher Delikte, wie sie der Altenpflegerin vorgeworfen werden, ermittelt wurde. Man arbeite sehr eng mit der Polizei zusammen und sei an einer lückenlosen Aufklärung interessiert, betonte Bär. Der Vorstandschef der Wilhelmshilfe berichtete, dass die Polizei unter anderem einen 1000-seitigen Chatverlauf zwischen der Altenpflegerin und dem im Bereich Tübingen Festgenommenen  ausgewertet habe. „Zum jetzigen Zeitpunkt“ gebe es keine Hinweise auf mögliche weitere Opfer der 47-Jährigen.

Bei den gequälten und missbrauchten Heimbewohnern handelt es sich um zwei Männer und vier Frauen im Alter von 75 bis 91 Jahren. Die Opfer wohnen in Bartenbach in einem gesonderten sogenannten „beschützenden Bereich“ des Pflegeheims, da sie unter schwerer Demenz leiden. Der Bereich ist nur über einen Code zugänglich. Insgesamt werden auf der Station 16 Bewohner versorgt – alle in Einzelzimmern. Das Betreuungsteam besteht aus 21 Fachkräften, die 47-jährige Tatverdächtige sei  ausschließlich im Tagdienst eingesetzt worden, erklärte Dagmar Hennings, Mitglied des Vorstands der Wilhelmshilfe, bei der Pressekonferenz auf Nachfrage.

Göppingen

Sie und Bär verteidigten die Entscheidung der Wilhelmshilfe, die auch Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg ist, erst gestern über die näheren Umstände des Kriminalfalls zu informieren. „Es war uns ein großes Anliegen, alle betroffenen Angehörigen persönlich zu informieren. Wir wollten nicht, dass sie weitere Details aus der Presse erfahren, bevor wir mit ihnen gesprochen haben“, sagte Hennings. Die Polizei geht nach den Worten von Matthias Bär „nach jetzigem Stand“ von einer Einzeltäterin aus. Auch Anhaltspunkte für weitere Taten außerhalb des bisher eingegrenzten Zeitraums zwischen August und Oktober 2017 gebe es nicht. Die Motive der 47-jährigen Altenpflegerin liegen bisher völlig im Dunkeln. Weshalb sie dem Mitte 2018 festgenommenen Bekannten die Filmaufnahmen übermittelt hat, ist genauso unklar wie die Frage, ob bei dem Mann  weitere Videos von sexuellen Misshandlungen in anderen Alten- und Pflegeheimen in Baden-Württemberg gefunden wurden.

Unsicherheit ist jetzt groß

Unter den Beschäftigten der Wilhelmshilfe, die 1839 als „Kinderrettungsanstalt“ gegründet worden war und die im Landkreis Göppingen heute neben Pflegeheimen auch eine Tagespflege, einen ambulanten Dienst sowie elf Seniorenwohnanlagen inklusive eines 24-Stunden-Service- und Dialogcenters mit angeschlossenem Hausnotruf betreibt, ist die Unsicherheit nach der Festnahme der langjährigen Pflegefachkaft in Bartenbach groß. 

„Mir werden viele Fragen gestellt, die ich nicht beantworten kann“, sagte Hennings, die seit 1993 in der Pflege tätig ist. Ihr selbst habe es „den Boden unter den Füßen weggezogen“. Die Misshandlungen seien ein „Schlag ins Gesicht für alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihren Beruf tagtäglich mit Herzblut, Fachwissen und Überzeugung ausüben“, betonte Hennings. Letzteres gebe ihr in diesen schwierigen Tagen die „Kraft und den Mut für meine Aufgabe“. Die Tatsache, dass alle bisherigen Ermittlungen darauf hindeuteten, dass die Misshandlungen „eine schreckliche Einzeltat“ der 47-Jährigen waren, sei der einzige Trost. Mit den Mitarbeitenden stehe man in einem „engen und intensiven Austausch“.

Es war die Göppinger Wilhelmshilfe selbst, die öffentlich bekannt gegeben hatte, dass sich die Missbrauchsfälle in ihrer Einrichtung in Bartenbach ereignet haben. „Wir haben uns bewusst für diesen offensiven Weg entschieden, um einen Generalverdacht gegen andere Einrichtungen im Landkreis auszuräumen“, erklärte Vorstandschef Bär.

Der Umgang mit Menschen mit schwerer Demenz sei „eine große Herausforderung“, sagte Dagmar Hennings. Es gebe immer wieder „ethische Fallbesprechungen“, zu denen eigens ausgebildete Moderatoren zugezogen würden. Zudem gebe es regelmäßige Pflegevisiten. Trotz all dieser Maßnahmen habe es keinerlei Hinweise auf mögliche Misshandlungen von Bewohnern durch die 47-Jährige gegeben. „Wir tun schon einiges, aber wir können uns vorstellen, darüber hinaus ein anonymes Fehlermeldesystem einzuführen“, sagte Bär. Darüber werde nach Bekanntwerden der „furchtbaren Vorkommnisse“ nachgedacht.

Der Vorsitzende des Vorstands der Wilhelmshilfe betonte, dass man abwarten müsse, „was die weiteren Ermittlungen ergeben“. Bär hofft jetzt vor allem, „dass wir nicht noch weitere Fälle dazu­bekommen“.

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