Was Jürgen Schlicher gestern im Foyer des Rathauses präsentierte, hinterließ Staunen bei den Schülern und Lehrern, die zum Empfang gekommen waren. Der Politikwissenschaftler bewies mit einfachen Wortreihen, die er an die Wand projizierte, wie unser Gehirn Verbindungen herstellt: Der ganze Saal bildete sich plötzlich Dinge ein, die nicht da waren - nur durch die Assoziation mit anderen Wörtern. Das ist auch das Prinzip von Vorurteilen und Rassismus, denn es funktioniert auch bei Eigenschaften von Menschen. Der Rassist in uns beginnt im Kopf - und zwar unbewusst. Mit dieser Erkenntnis und einem aufwendigeren Projekt im Fernsehsender ZDF neo ist Schlicher im vergangenen Jahr bekannt geworden. Er hat vor 20 Jahren die Aktion "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" mit begründet.

Allein in Göppingen dürfen inzwischen drei Schulen den Titel führen, drei weitere arbeiten daran (siehe Infokasten). Die Stadt und der Oberbürgermeister unterstützen die Anti-Rassismus-Aktion tatkräftig. Und das ist nicht selbstverständlich, wie Schlicher betonte: Denn das Thema war noch vor einigen Jahren tabu an den Schulen. Es gab vor wiegend Abwehrreaktionen. Nun wird wenigstens über die Gefahr geredet. Niemand dürfe wegen Sprache, Religion, Hautfarbe oder sexueller Identität benachteiligt werden, so Schlicher. 1600 Schulen in Deutschland sind Teil des Netzwerks, das dafür ein Bewusstsein schafft. Sie haben Aktionen auf die Beine gestellt und sich verpflichtet, gegen jede Form von Gewalt und Diskriminierung einzustehen. Die Göppinger Schulen, die sich mit teils viel persönlichem Engagement einsetzen, waren gestern vertreten.

Oberbürgermeister Till sagte in seiner Dankesrede: "Jede Aktion ist ein Baustein dafür, dass in unserer Stadt viele Nationen friedlich miteinander leben und sich auch begegnen". In der Hohenstaufenstadt wohnen Menschen aus 124 Nationen, mit 85 Muttersprachen und neun Religionen. Mehr als ein Drittel der Göppinger haben eine Zuwanderungsgeschichte. Bei Kindern und Jugendlichen sind es sogar 45 Prozent. Till betonte, die Stadt Göppingen fördere die Integration auf unterschiedlichen Ebenen: politisch im Integrationsplan, sozial mit viel Sprachförderung und kulturell und mit vielen Aktionen und Großveranstaltungen - demnächst auch bei der Internationalen Woche gegen Rassismus. Schlicher, der zwei Tage lang auch einen Workshop der Stadtverwaltung leitete, nannte die Göppinger Initiative "absolut großartig".

"Schulen ohne Rassismus"

Titelträger in Göppingen:

Mörike-Gymnasium seit 2010, jedes Jahr findet eine große Aktion statt,

Kaufmännische Schule seit September 2014: Aktionswochen mit Theateraufführungen, Pate ist Betriebsrat Uwe Hück,

Freihof-Gymnasium seit Januar 2015, SMV organisierte Projekttag. Pate ist CDU-Abgeordneter Hermann Färber.

Anwärter in Göppingen:

Walther-Hensel-Schule, Leitbild fertig,

ProGenius-Privatschule, in Antragsphase

Pestalozzi-Schule, Auftaktveranstaltung Ende März in Vorbereitung.

Titelträger im Landkreis:

Dr.-Engel-Realschule Eislingen,

Raichberg-Realschule Ebersbach,

Uhlandschule Geislingen,

Kaufmännische Schule Geislingen,

Emil-von-Behring-Schule Geislingen.