Göppingen Schönes aus Hässlichem

INGE CZEMMEL 24.04.2012
Ein Mann, ein einstündiger Monolog. Der Schauspieler Bernd Tauber zeigte in dem Stück "Nipple-Jesus", dass gekonntes Schauspiel ein Publikum veranlassen kann, über Absurditäten nachzudenken.

Breitbeinig sitzt er mit den Füßen wippend da und schweigt. Neben ihm nichts als eine Stele, auf der kunstverdächtig eine Melone ruht. Er schweigt. So lange, bis einer im Publikum es nicht mehr aushält. "Schwätz doch was!" Bernd Tauber nimmt den Zuruf als Aufforderung, den Monolog zu beginnen, der Sinn und Unsinn der Kunst aus der Sicht des Galeriewächters Dave beleuchtet. Ist das Kunst? Was soll das? Sein neuer Job veranlasst den ehemaligen Nachtclubtürsteher, sich mit Fragen zu beschäftigen, die sich Betrachtern zeitgenössischer Kunst des Öfteren aufdrängen. Die bisherige Denke des Machotyps, dem Kraftausdrücke geläufiger sind als alles, was mit Kunst zu tun hat, beginnt sich zu verändern. Aus "Das hätt ich auch gekonnt" wird ein "Jetzt könntest du es, aber du wärst nicht drauf gekommen". Das Bild, für dessen Bewachung er zuständig ist, stürzt Dave in ein Wechselbad der Gefühle.

"Ein gutes Bild", so ist sein erster Gedanke, als er das Jesus-Bild erstmals betrachtet: "So eine Art Nahaufnahme, auf der man sieht, wie weh das tun muss, da angenagelt zu sein." Als sich ihm bei Betrachtung aus der Nähe jedoch offenbart, dass es sich um eine Kollage aus weiblichen Brüsten handelt, die aus Pornoheften ausgeschnitten wurden, ist er schockiert. "Ekelhaft! Ein Jesus aus Nippeln, das ist nicht okay", denkt er - und nimmt sich vor, es nicht zu verhindern, sollte jemand auf die Idee kommen, das Werk zu zerstören. Doch dann lernt er die sympathische Künstlerin kennen und erkennt die viele Mühe, die in dem Bild steckt. Er gewinnt die Erkenntnis: "Was von weitem schön ist, kann durchaus aus hässlichen Dingen zusammengesetzt sein. Wie meine Frau, die sieht von weitem auch aus wie ein Modell."

Als die öffentliche Empörungswelle anschwappt, hat Dave längst eine Beziehung zu "seinem Bild" entwickelt. Er verteidigt es gegen Bigotterie ("Knien ist hier nicht erlaubt") genauso wie gegen scheinheiligen Voyeurismus ("Sie müssen nicht so nah herangehen") Die Zerstörung des Werkes kann er letztlich nicht verhindern. Als Dave feststellen muss, dass die Zerstörung kalkuliert und das eigentliche "Kunstziel" war, das nun als Videoendlosschleife gezeigt wird, fühlt er sich als Spielball der Kunst missbraucht. Ihm wird klar: "Meine Arbeit ist nichts wert."

Dem Publikum in der Jahnhalle in Holzheim wird noch etwas anderes klar: Was Bernd Tauber bietet, ist Kunst - hohe Schauspielkunst. Er mimt nicht nur überzeugend den ambivalenten Wächter und dessen Perspektivenwechsel. Einzig durch Mimik- und Gestenwechsel gelingt es ihm auch, all die anderen Charaktere, die in Nick Hornbys Satire vorkommen, zum Leben zu erwecken.

Das Stück endet; wie es begann - mit der Macht des Schweigens, das schließlich in lang anhaltenden Schlussapplaus mündet.