Göppingen / Von Susann Schönfelder, Helge Thiele und Karin Tutas  Uhr
Der massive Jobabbau beim Göppinger Pressenhersteller sorgt für Entsetzen und Betroffenheit. Politiker äußern sich enttäuscht. Die IG Metall gibt sich kämpferisch.

Die schlechte Nachricht sorgt bei vielen Beschäftigten für Fassungslosigkeit: Der Pressenbauer Schuler will 500 Arbeitsplätze abbauen, rund 300 davon am Firmensitz in Göppingen. Die Hiobsbotschaft haben die Mitarbeiter offiziell am Dienstagvormittag in einer Infoveranstaltung erfahren, sagt Renate Gmoser, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Göppingen-Geislingen. Über die Medien und in sozialen Netzwerken hatte sich die Nachricht vom Kahlschlag jedoch bereits am Vorabend herumgesprochen. Laut Gmoser sollen in Göppingen 320 Stellen gestrichen werden.

Nicht nur bei Schuler sollen Arbeitsplätze wegfallen, auch bei der WMF, Südrad oder Aqua Römer sind Jobs gefährdet.

„Die Leute waren wie gelähmt und sehr geschockt“, berichtet Gmoser. Für sie selbst sei die Ankündigung des Konzerns keine große Überraschung gewesen. In den vergangenen Wochen habe es bereits Gespräche gegeben – „mit dem Ziel, das Ganze noch zu wenden. Aber der Vorstand hält daran fest.“ Die Gewerkschafterin, die Schuler schon lange betreut, hat gewusst, „dass es kommt, aber nicht in der Härte“. Sie habe die Hoffnung gehabt, dass die Konzernverantwortlichen auch an der einen oder anderen Schraube drehen, was die Erzeugnisse betrifft.

Schwieriges Umfeld für den Pressenbauer

„Wir werden nun um jedes Produkt ringen, um die genannte Kopfzahl zu verringern und klar zu machen, dass die Leute gut und qualifiziert sind“, kündigt Gmoser an. Die Gewerkschafterin räumt ein, dass das Umfeld für den zum österreichischen Andritz-Konzern gehörenden Pressenbauer schwierig geworden ist. Die Abrufzahlen in der Automobilindustrie seien eingebrochen.

Schuler ist mit dem Jahr 2018 nicht zufrieden. Der Auftragseingang stieg um zehn Prozent, die Profitabilität blieb aber unter den Erwartungen.

Man müsse den Rotstift ansetzen, weil sich die Wettbewerbsbedingungen geändert und der Kostendruck erhöht hätten, begründet der Vorstand der Schuler AG die geplanten Einschnitte. Renate Gmoser kritisiert jedoch, dass nach der Umstrukturierung in den Jahren 2015/16 „einzelne Standorte gar keine Chance hatten, sich zu bewähren“.

„Das ist eine Ära, die traurig zu Ende geht“

IG Metall und Betriebsrat werden sich nun zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie der Stellenabbau umgesetzt werden soll. Am Dienstag konnte Gmoser noch keine Details eines Sozialplans und Interessenausgleichs nennen. Nur so viel: „Wir werden uns die Butter nicht vom Brot nehmen lassen.“ Dass die Fertigung von Neupressen am Stammsitz in Göppingen erhalten bleibt, glaubt sie aber nicht. Die Produktion von Großpressen sei ja ohnehin schon lange nach Erfurt verlagert worden. „Das ist eine Ära, die traurig zu Ende geht“, sagt Gmoser.

Der Pressenhersteller Schuler baut 500  Arbeitsplätze ab – knapp 300 davon in Göppingen. Der Konzern reagiert damit auf den schwächelnden Automobilmarkt.

Gerüchte, dass es Einschnitte geben wird, machten offenbar schon seit Wochen die Runde. Dass es nun so schlimm kommt, hätten viele Mitarbeiter aber nicht erwartet. Das Entsetzen darüber sei groß, berichtet ein Beschäftigter. Vorstandschef Domenico Iacovelli habe am Dienstag in der Versammlung Verständnis für die Mitarbeiter geäußert, die Einschnitte jedoch als alternativlos bezeichnet. Die Stimmung in der Belegschaft beschreiben Mitarbeiter als resigniert.

Die Vorstellung des Vorstands wird als schwach empfunden. Recht scharf äußerten sich Ingrid Wolfframm, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der Schuler AG, und Rolf Brodbek, Betriebsratsvorsitzender von Schuler Pressen in Göppingen. „Ihnen glaube ich kein Wort mehr“, sagte Wolfframm zu Iacovelli. Der Betriebsrat, so der Mitarbeiter, habe sich der Standortsicherung zuliebe in den vergangenen Jahren stets kompromissbereit gezeigt, wenn es um Einschnitte ging. Das habe sich nicht ausgezahlt.

Die Verlagerung von Teilen der Produktion zum Wachstumsmarkt China sei vor ein paar Jahren mit den massiven Transportkosten begründet worden. Jetzt werde es wohl so sein, dass Teile in China produziert und dann zum Zusammenbau nach Erfurt transportiert werden.

Sorge wegen Strukturwandel

„Ich empfinde tiefe Betroffenheit, die auch tiefer geht, als man vielleicht meinen könnte“, sagte der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till gestern im Gespräch mit der NWZ. Man habe aus der Wirtschaft schon länger Signale empfangen, die gezeigt hätten, dass es im Automobil- und im Maschinenbau „eine große Unsicherheit gibt“. In diesen Bereichen seien „die meisten  unserer Betriebe hauptsächlich tätig“, so Till. Insofern sei Göppingen vom Stellenabbau bei Schuler gleich „zweifach betroffen“.

Die Erklärung des Unternehmens, die Produktion in Göppingen einzustellen „weist natürlich auf Entwicklungen hin, deren Ende und deren Auswirkungen auf unsere Wirtschaft nicht absehbar sind“, meinte Till. Eine Kommune  habe „nur begrenzt Möglichkeiten, auf den Arbeitsmarkt einzuwirken“. Umso wichtiger sei es, durch „kluge Strategien“ möglichst viele Arbeitsplätze in einer Stadt zu erhalten. Als Beispiel dafür nannte OB Till die „weise Entscheidung“ des Gemeinderats, das neu gebaute Verwaltungszentrum am Bahnhof an die Firma Teamviewer zu  verkaufen, um so den Verbleib der rund 400 Arbeitsplätze in Göppingen zu ermöglichen. Dennoch bereitet der Strukturwandel Till „große Sorgen“.

„Aufgewühlt und traurig“

„Aufgewühlt und traurig“ über den Schritt des Schuler-Vorstands zeigte sich gestern auch der Göppinger SPD-Landtagsabgeordnete Peter Hofelich. Diese Dimension des Arbeitsplatzabbaus könne das Filstal „nicht so einfach wegstecken“.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens sagte: „Ich hoffe, dass der Geschäftsleitung bewusst ist, wo die Wurzeln von Schuler tief in den Boden reichen.“ Allein der Verweis auf die schwächelnde Automobil-Konjunktur reicht nach den Worten von Baehrens und Hofelich für den Jobabbau nicht aus. „Es gibt immer ein Auf und Ab“, betonen beide in ihrer gemeinsamen Pressemitteilung.

Das könnte dich auch interessieren:

Noch immer kämpfen im Osten der Ukraine Soldaten gegen prorussische Separatisten. Sie werden unterstützt von tausenden Freiwilligen.