„Ich weiß nicht, wie ich gerade arbeiten soll. Ich weiß nicht, ob das Tor zu ist, wenn ich morgen früh um fünf komme oder ob ich abfülle“, sagt eine Frau mittleren Alters. Die Mitarbeiterin von Aqua Römer am Standort Jebenhausen hat einen Kloß im Hals. „Die Leute kriegen ja psychische Probleme“, wirft ihr Kollege ein. Andere stehen einfach da, hängen ihren Gedanken nach, haben Tränen in den Augen.

Die Verunsicherung unter der Belegschaft ist groß. Vor einer Woche hatte Andreas F. Schubert, seit 2013 Geschäftsführer des Brunnens, das Aus für den Göppinger Sprudel verkündet. Aqua Römer möchte den Standort Jebenhausen schließen und Produktion, Logistik, Vertrieb und Verwaltung an den zweiten Abfüllort der Brunnen-Union St. Christopherus in Mainhardt verlagern. 50 der derzeit 100 Mitarbeiter sollen künftig in Mainhardt arbeiten, für die anderen soll der Betriebsrat einen Sozialplan und einen Interessenausgleich aushandeln.

Wut auf die Geschäftsleitung ist groß

Mindestens genauso groß wie die Verunsicherung und die Angst vor der Zukunft ist jedoch die Wut auf die Geschäftsleitung – das wurde gestern bei einer Protestkundgebung um halb zwölf vor dem Werkstor in Jebenhausen deutlich. Mit Fahnen, roten Mützen und gelben Warnwesten machten die Beschäftigten ihrem Ärger Luft, eine Betriebsversammlung wurde für diese Aktion unterbrochen. „Diesen Betrieb niederzuverwalten, das ist ein Skandal“, sprach Alexander Münchow, Landesbezirkssekretär der Gewerkschaft Nahrung – Genuss – Gaststätten (NGG) im Landesbezirk Südwest, ins Mikrofon. Er kritisierte die Geschäftsführung scharf, die die Mitarbeiter viele Nacht- und Überstunden jenseits der gesetzlichen Regelungen habe schieben lassen und selbst jede Menge Management- und Marketingfehler gemacht habe: „In Stuttgart ist es ein Problem, Göppinger Mineralwasser zu finden.“

„Das ist eine Bankrotterklärung“

Es mache ihn betroffen, wie die Chefetage mit zum Großteil langjährigen Mitarbeitern umgehe: „Das ist eine Bankrotterklärung für die Geschäftsleitung. Das werden wir uns nicht bieten lassen“, gab sich Münchow kämpferisch und kündigte an, „um jeden einzelnen Arbeitsplatz“ kämpfen zu wollen. Von den knapp 50 Mitarbeitern, die zu der kurzen Kundgebung gekommen waren, gab es lautstarken Applaus. Auch ein Anwohner brach eine Lanze für die 600 Jahre alte Marke Göppinger Mineralwasser und wünschte sich, dass der Sprudel überall zu haben sei.

Missmanagment sei Schuld

Karin Brugger, Geschäftsführerin der NGG für die Region Ulm-Aalen/Göppingen, macht für die wirtschaftliche Schieflage des Brunnens ebenfalls Missmanagement verantwortlich: „Der Konsum von Mineralwasser steigt. Viele andere, größere und kleinere Unternehmen, machen Gewinn – gerade bei solchen Temperaturen.“ Die Mitarbeiter „füllen ab wie die Bekloppten“ und hätten auch auf Teile des Urlaubs- und Weihnachtsgelds verzichtet, um ihren Beitrag zur Konsolidierung zu leisten. Unter dem Strich mache sich dies aber nicht in Zahlen bemerkbar. „Das kann und darf nicht sein“, unterstrich Brugger.

Die Gewerkschaft und der Betriebsrat wollen nun ein Konzept erarbeiten, um das Aus für den Göppinger Sprudel zu verhindern: „Es gibt andere Wege als die platte Schließung“, ist sie überzeugt. Das dauere aber seine Zeit, bat sie um Geduld, zeigte sich aber optimistisch: „Wir schaffen das.“ Brugger kündigte zudem weitere Protestaktionen an – mitten in der Stadt und notfalls auch beim Anteilseigner.

Betriebsratsvorsitzender Efstathios Michailidis, der von der Hiobsbotschaft genauso überrascht worden war wie die Belegschaft und die Gewerkschaft, frage sich seit sieben Tagen und sieben Nächten: Warum? Er machte den Mitarbeitern Mut: „Ihr seid tolle Fachkräfte, wir könnten den Betrieb auch ohne Geschäftsführung führen. Die brauchen wir dazu nicht.“ Er schwörte die Belegschaft auf einen intensiven Kampf ein und sagte in Richtung der Führungsriege: „Wer mit uns nicht rechnet, wird teuer dafür bezahlen.“