"Endlich kann man wieder draußen sein und im Garten schaffen, ohne dabei nass zu werden", freut sich Inge Hinderer und ergänzt: "Durch das lange schlechte Wetter ist heuer alles eh viel zu spät dran". Wie zur Bestätigung geht sie vor ihrem kleinen Kartoffelacker in die Hocke und deutet mit der Handfläche an, wie hoch die Pflanzen im Juni letzten Jahres waren. Und in der Tat, das spärliche Grün lässt noch nicht darauf schließen, dass Monate später genügend Erdäpfel für einen "selbstgeernteten" Kartoffelsalat dran hängen werden. Normalerweise reicht der Ertrag genau für ein Jahr. Doch der lange Winter und anschließende Dauerregen bedeuteten nicht für alle Pflanzen automatisch "Kleinwuchs".

Kräuter und Teepflanzen nehmen gleich buschweise einen Großteil des Nutzgartens im idyllischen Ebersbacher Stadtteil Sulpach ein. Und dieses Fleckchen Erde ist seit sieben Jahren das Heiligtum von Inge Hinderer. "Normalerweise darf da niemand rein", erzählt sie mit einem Augenzwinkern. Bis auf kleine Ausnahmen. Erst kürzlich erklärte sie Grundschülern den Sinn eines Nutzgartens - wie manche Pflanzen aussehen, wie sie riechen, für was sie gut sind. Zudem lasse sich vieles in Kübeln oder Blumenkästen anbauen, oft sei es einfacher als man denkt. Auch Apfelminze, Basilikum, Currykraut, Estragon, Salbei, Senf, Thymian, Zitronenmelisse oder Herzgespann und Johanniskraut, um nur einige Exemplare zu nennen, gedeihen bei der 51-jährigen Geschäftsfrau dank guter Erde aufs Beste. Daraus kreiert sie ganz unterschiedliche Kräutermischungen oder Aufstriche. Anders als im letzten Jahr verrät der Rosmarin mittels zarter Blättchen, dass er diesmal seiner Besitzerin Freude macht. "Der vorige ist mir erfroren, war anscheinend doch nicht winterhart. Auch mein Ingwer ist nichts geworden, der ist schlichtweg verfault", verrät die experimentierfreudige Gärtnerin, die genau weiß, dass man immer mal mit Verlusten, vor allem bei seltenen exotischen Sachen, rechnen muss. "Mein duftendes Olivenkraut zum Beispiel. Einfach darüberstreichen und dann an den Händen riechen. Herrlich." Nicht unbedingt wegen des Aromas, sondern mehr als leckere Beilage zu Nudeln oder als Salat, schätzt sie Mangold. Gerade alte Kräuter und Gemüse wie Bärlauch, Rote Beete oder auch Schwarzwurzeln seien wieder schwer im Kommen, freut sich Inge Hinderer. Egal, was sie pflanzt oder aussät - naturbelassen muss es sein. So werden Auberginen, Bohnen, Gurken, Tomaten, Zuckermais, ungefähr fünf verschiedene Salatsorten, Bäume mit Birnen, Sauerkirschen oder Quitten sowie diverse Beerensträucher biologisch angebaut und gedüngt. Letzteres kann man förmlich riechen. Öffnet die dreifache Mutter den Deckel des mit Plastikfolie ausgelegten Holzfasses, erinnert die braune Pampe nicht nur geruchsmäßig an eine Kläranlage. "Man gewöhnt sich daran. Durch die Sonne entsteht Hitze, es fängt zu gären an, und dann riecht es eben ein wenig", sagt die Gartenexpertin lachend und rührt dabei ihren biologischen Superdünger aus Brennnesseln, Beinwell und Löwenzahn kräftig um.

Überhaupt heißt das Zauberwort im Hause Hinderer "Bio". Selbst bei den unbeliebtesten Garten-Gästen. "Bei mir wird niemand vergiftet oder sonstwie getötet. Sämtliche Schnecken sammele ich im Eimer und setze sie in der Pampa aus. Keine Bierfalle, kein brutales Durchtrennen mit der Gartenschere oder gar die grausamste Methode schlechthin, Salz drüber streuen", betont Inge Hinderer und ergänzt: "Und die Schnecken mit Häusle lass ich eh bei mir. Denn, was viele nicht wissen, die fressen nämlich das Gelege der Nacktschnecken". Alles, was nicht im heimischen Garten wächst, gedeiht auf ihrer Streuobstwiese, oder sie kauft es auf dem Wochenmarkt. Gemüse oder Obst aus dem Supermarkt kommen bei der Naturfreundin grundsätzlich nicht in die Tüte. Jungpflanzen oder das Saatgut alter Sorten bestellt sie ausschließlich bei Biogärtnern, "um ständig etwas Neues auszuprobieren", sagt sie und versichert: "Wir lieben alles an Gemüse, Kräutern und Salaten, da kommt Fleisch höchst selten auf den Tisch. Selbst mein Mann Thomas zieht mittlerweile jegliches Pflanzliche einem Schnitzel vor."