Sammelwut plagt Eltern

Pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft waren sie wieder da: EM-Sammelkarten des Stuttgarter Panini-Verlags oder der Lebensmittelkette Rewe. Foto: epd
Pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft waren sie wieder da: EM-Sammelkarten des Stuttgarter Panini-Verlags oder der Lebensmittelkette Rewe. Foto: epd
UTE GALLBRONNER 14.06.2012
Manch ein Garten wurde noch in letzter Sekunde mit einem Fahnenmast bestückt. Die Grillkohle liegt bereit, die Trikots sind aus dem Schrank geholt und gewaschen. Die Fußball-EM läuft.

Eine Fußball-EM ist ein bisschen wie Weihnachten: Schon Wochen vorher quellen die Supermarkt-Regale über mit Dingen, die vom großen Ereignis künden - und die man eigentlich gar nicht braucht. Irgendwie scheint es von Jahr zu Jahr noch mehr zu werden. Jede Zielgruppe wird bedient, und die Kinder sind natürlich mittendrin.

Mit den unvermeidlichen Fußball-Bildchen in Hanuta, Duplo und Co. haben die C-Junioren des VfL Dornstadt/Bollingen freilich nichts mehr am Hut - da steht man mit 14 drüber, weit drüber. Auch Deutschland-Hüte jedweder Art sind peinlich, außer mehrere haben die gleichen auf. Fahnen, Schals und vor allem Trikots gehören dagegen zum festen Repertoire, und zwar nicht nur zu EM-Zeiten. "Es muss ja nicht immer ein Original sein", sagt Peter Hilpert, Trainer und Vater.

Denn wer Original-Fanartikel will, der ist ziemlich schnell ziemlich viel Geld los. Schließlich wollen daran einige mitverdienen. Das Original-Heimtrikot mit Spielername gibt es bis Größe 152 für 76 Euro, dazu die Hose (33 Euro) und Strümpfe (18 Euro). Wer Erwachsenen-Größe "S" braucht, muss 96 Euro hinblättern und die "Tech-Fit-Version mit TPU-Powerbändern" erhöht angeblich sogar extrem die Leistungsfähigkeit, und zwar für 166 Euro. Immerhin gibts eine Tasche dazu.

Ruben trägt zum Training nicht Schwarz-Rot-Gold, sondern ein Bayern-Trikot, Hose und Stutzen. Die Enttäuschung der Niederlage im "Finale dahoam", den dritten zweiten Platz dieser Saison, hat zumindest er längst verdaut. Nachwirkungen für die EM? "Nein, sicher nicht", sagt Ruben entschieden. "Ganz im Gegenteil", erklärt Alex. "Die Bayern-Spieler konzentrieren sich jetzt voll auf die EM. Die Niederlage wird sie nicht davon abhalten gute Spiele zu machen." Zustimmendes Nicken in der Runde. Was die EM angeht, sind die Dornstadter Kicker bestens vorbereitet. Schließlich sind es nicht ihre ersten Titelkämpfe.

Der Fernseher wird auf Dauerbetrieb sein, keine Frage. "2006 hatten wir hier ein richtiges WM-Studio im Vereinsheim. Das war der Renner, jedes Mal volle Bude", erzählt Hilpert. Doch die Wirtschaft ist inzwischen geschlossen. Fußball gucken wird wohl eher Privatsache sein. "Ich schau mit Freunden, die Eltern und die Schwester schicken wir weg", verkündet etwa Ruben. Obs denn so kommt, man wird sehen.

Mit den Fanartikeln wollen sie es nicht übertreiben. Die alten Fahnen, meist erstanden zur Heim-WM vor sechs Jahren, tun durchaus noch gute Dienste, finden die Jungs. Sehr vernünftig hört sich das an.

Trotzdem scheinen die Merchandising-Produkte gut anzukommen. Vuvuzelas stehen auch wieder in den Regalen. Die Lärmtröten aus Südafrika haben an der Krachmacherfront Konkurrenz bekommen. Wer fleißig Chips futtert, kann sich eine "Fan Can" bestellen, die dann mit Trageband geliefert wird. Für den jüngeren - oder lärmempfindlicheren - Fan gibt es die Rassel von Tic Tac. Sind die Bonbons rausgefuttert, schepperts aber nicht mehr, also muss ein neues Paket her. Zweck erfüllt.

Überhaupt haben es Eltern derzeit schwer. Überall lauern die Fallen. Schwarz-rot-goldene Schminkfarben und Tattoos, Armbänder, Autofähnchen und Rückspiegel-Überzug, Girlanden, Luftschlangen, Aufkleber in Deutschland-Farben. . . "Mami, das kostet gar nicht viel! Biiiiittttee!" Überhaupt wächst der Druck. "Gehst du zu Edeka?", heißt es diese Woche. "Ich dachte, ich soll zu Rewe wegen der Sammelbilder?" Irrtum, denn das Album ist bis auf drei seltene Teile längst voll.

Bei Edeka dagegen gibt es Fußball-Schlümpfe, das ist mal wieder was Neues. Außerdem sind die kleinen, blauen Dinger am Bändchen nicht so leicht zu kriegen wie die Karten. Ab zehn Euro Einkaufswert gibt es einen Punkt und erst vier Punkte reichen zum Schlumpf. Praktisch für sammelwutgeplagte Eltern: Das Säckchen zum Sammeln kostet bescheidene 1,50 Euro.

Nutella hat den Fußball-Jungs übrigens Ende 2011 abgeschworen, zumindest was die Fernseh-Werbung angeht. Vielleicht deshalb, weil die Nationalspieler, die genussvoll ins Nuss-Nougat-Creme-Brot gebissen haben, allzu oft aus dem Team geflogen sind.

Das Wort vom "Nutella-Fluch" machte schon die Runde. Der Deutsche Fußball-Bund musste sich zudem herbe Kritik von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch anhören - Sport und Nutella, das passe im Sinne der in der Satzung festgeschriebenen Förderung der gesunden Ernährung wohl kaum zusammen.

Und trotzdem: Wer fleißig Ferrero-Produkte futtert, wird auch 2012 mit Teilen aus der Fan-Kollektion versorgt. Obs nun gesund ist oder auch nicht.