Göppingen Saison im grünen Wohnzimmer

IRIS RUOSS 15.06.2012
Vor 26 Jahren zog Christel Hanselmann mit Familie in ihr Reihenhaus. Lust auf Gartenarbeit hatte sie damals keine. Jetzt erfreut sie sich am grünen Wohnzimmer, das hauptsächlich von Ehemann Erwin gepflegt wird.

Wo heute vor der Haustüre Rosenstöcke wachsen, die Kapuzinerkresse rankt und der Lavendel blüht, da gab es vor gut zwei Jahrzehnten nicht viel mehr als alte Eisenbahnschwellen, die den am Hang gelegenen Vorgarten der Hanselmanns in Faurndau abstützten. Beim Blick auf die im vorigen Jahr noch so großen und schönen Rosenbüsche meint Christel Hanselmann: "Die haben im Winter sehr gelitten, ob die noch einmal richtig wachsen, das bleibt abzuwarten."

Die Faurndauerin hat ein Faible für Dekorationen, das sieht man schon im Eingangsbereich. Da steht die alte Zinkwanne, die aus dem Keller geholt wurde und jetzt einen Miniteich mit einigen Wasserpflanzen und schimmernden Kugeln beherbergt. Am Bäumchen im Vorgarten hängt ein Metallschild mit rostfarbener Patina und einem darauf geschriebenen Spruch. "Das war Deko beim Geburtstag meines Mannes", erklärt die Besitzerin, jetzt ist es in den Garten gewandert. Vor der Haustür steht Omas altes Nähkästchen, mit Farbe aufgemöbelt und zweckentfremdet, beherbergt es jetzt einen hängenden Bambus. Daneben blüht es aus dem alten Emailleeimer. "Ich verwende gerne Altes, Ausgedientes", schmunzelt die Gartenbesitzerin.

Auf der Terrasse angekommen meint sie fast schon entschuldigend, dass ihr Gartenreich natürlich nicht riesengroß sei. Dass aus einem kleinen Reihenhausgarten aber auch ein grünes Wohnzimmer, ein kleines, individuelles Gartenrefugium werden kann, das beweist ihr Gärtchen. "Da war früher auch nur Hang", sagt Hanselmann mit Blick auf den gepflegten Rasen. Auch das Hochhaus, das jetzt am Ende des Gartens steht, war zur Einzugszeit längst noch nicht gebaut, es schloss sich vielmehr eine Wiese, auf der Schafe weideten, an. "Wir haben damals mit dem Lkw Erde hergeschafft und den Garten aufgefüllt, damit er einigermaßen eben wurde", erklärt Christel Hanselmann. Ihr Gartenreich hat sein Gesicht schon mehrfach verändert. Die Terrasse hat erst im vergangenen Jahr einen Holzbelag bekommen, unter dem die alten Steinplatten verschwunden sind. Der kleine Gartenteich, der direkt neben der Terrasse lag, wurde zugeschüttet und ist einem Quellstein gewichen, der jetzt beruhigend vor sich hin plätschert. "Als sich unser Enkelkind angekündigt hat, habe ich auf der Entfernung des Teichs bestanden", sagt Christel Hanselmann, während Ehemann Erwin mutmaßt, dass seine Frau nur auf den Quellstein scharf war, der mit seinen 80 Kilo die vielen Treppen bis zum Reihenhausgarten hochgeschleppt werden musste.

Gartenarbeit sei für sie früher das reinste Gräuel gewesen, gibt Christel Hanselmann unumwunden zu. "Meine erste Berührung mit Gartenarbeit hatte ich als Kind", sagt sie. Obstaufsammeln im Herbst, für die kleine Christel gab es nichts Schlimmeres.

Neben dem Quellstein, an dem gemütlich ein Frosch thront, reihen sich bepflanzte Hangflursteine aneinander. Lavendel wächst in trauter Gemeinschaft mit Basilikum, während die Hortensie ganz zaghaft einige wenige Blättchen zeigt. "Frostschaden", kommentiert Christel Hanselmann. Als Rosenliebhaberin hat sie sich die Königin der Blütenpflanzen auch in den Hausgarten geholt. Eine Duftrose ziert den Pflanzkübel an der Terrassenecke, gleich gegenüber reihen sich Terrakottatöpfe, bepflanzt mit Schwarzäugiger Susanne, Elfenspiegel und dem orangefarbenen Wandelröschenstamm, denen Christel Hanselmann noch zwei Windlichter als schmückendes Beiwerk verpasst hat, genau wie die Dekostecker. Altes umnutzen, dieses Faible findet man auch im Gartenbereich am Wohnzimmer wieder. Der Leiterwagen, der jetzt einen üppig blühenden Korb beherbergt, der alte Stuhl, der zum Sitzen nicht mehr geeignet scheint, dem Vogelhäuschen aber einen exponierten Platz im Beet entlang der immergrünen Hecke bietet, sind Zeugen dafür. "Das Vogelhäuschen habe ich auf dem Kompostplatz gefunden", erzählt Hanselmann. Zuhause wurde es einer Generalreinigung unterzogen. Im Frühjahr hat es den ersten Meisen als Nistplatz gedient. Das Geißblatt suchte sich seinen eigenen Weg und streckt seine intensiv duftenden Blüten jetzt aus der Nachbarshecke, zu seinen Füßen blüht die Dreimasterblume üppig violett. So richtig anfreunden konnte sich Christel Hanselmann mit der Gartenarbeit bis heute nicht. "Ich kaufe Pflanzen ein und dekoriere", sagt sie. Rasenmähen, Heckenschneiden und Grünmasse abtransportieren, das übernimmt Ehemann Erwin.