Porträt Rudi Bauer: Polizist mit Herz geht in Rente

„Der Beruf des Polizisten ist sehr wertvoll, aber auch sehr anspruchsvoll“, sagt der Neu-Pensionär Rudi Bauer.
„Der Beruf des Polizisten ist sehr wertvoll, aber auch sehr anspruchsvoll“, sagt der Neu-Pensionär Rudi Bauer. © Foto: Carlucci
Göppingen / Von Susann Schönfelder 04.08.2018

Wenn Rudi Bauer sein Berufsleben Revue passieren lässt, weiß er gar nicht so recht, wo er anfangen soll. Der 60-Jährige hat in den nahezu 40 Jahren als Polizist viel gesehen und viel erlebt. Der Vierfachmord in Eislingen ist sicher der spektakulärste Fall. Aber Rudi Bauer war auch Zeuge unzähliger Beziehungsdramen und schwerer Verkehrsunfälle. Und hat auch bei scheinbar kleinen Dingen bewiesen, dass er ein Polizist mit Herz ist: Als eine 82-jährige Frau ihre Schildkröte Max vermisste, startete er einen Aufruf – und die alte Dame und ihr liebgewonnenes Tier waren am Ende wieder glücklich vereint.

„Ich bereue keinen Tag“, lautet das Fazit des Ruheständlers, der gestern als Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Ulm seinen letzten Arbeitstag hatte. „Auch wenn man als Polizist in Abgründe sieht“, sagt er. Ein dickes Fell brauche man in diesem Job. „Man muss damit klar kommen, was man erlebt. Ich habe immer versucht, den Beruf vor der Haustür abzulegen. Manchmal gelingt einem das aber auch nicht“, räumt Bauer ein. Als Pressesprecher weiß er, was hinter der Bezeichnung „schwer verletzt“ steckt, er weiß unzählige Geschichten, die nie in der Presse stehen. Und als gebürtiger Göppinger seien viele Schicksale auch mit bekannten Gesichtern und Namen verknüpft. „Das macht es nicht einfacher.“ Der Neu-Pensionär hat in all den Jahren erfahren: „Der Beruf des Polizisten ist sehr wertvoll, aber auch sehr anspruchsvoll. Und er hat mir immer Spaß gemacht.“

Zunächst machte der junge Rudi Bauer aber eine Lehre als Werkzeugmacher bei der Firma Bellino. Irgendwann rief die Bundeswehr. „Da habe ich mir gedacht: Da gehe ich lieber zur Polizei“, erinnert er sich und lacht. Die erste Hälfte seines Berufslebens arbeitete er bei der Bereitschaftspolizei, die zweite bei der Polizeidirektion Göppingen. Die letzten viereinhalb Jahre fuhr er jeden Tag nach Ulm, dieser Umstand war der 2014 in Kraft getretenen Polizeireform und der damit verbundenen Zentralisierung geschuldet. Jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und um 6.20 Uhr bei Wind und Wetter am Bahnhof zu stehen, sei in dem Alter nicht immer vergnügungssteuerpflichtig gewesen. „Aber mein Credo lautet immer: Gewinne allem etwas Positives ab.“ Letztlich sei er froh gewesen, in Ulm gearbeitet zu haben: „Vier Landkreise, vier Vollprofis – wir haben uns gegenseitig ergänzt und gegenseitig voneinander profitiert.“ Teamarbeit sei ohnehin das A und O bei der Polizei.

Dies hat Rudi Bauer in den fast 40 Jahren täglich getan. Pressesprecher wollte der Erste Polizeihauptkommissar, der als Polizeiwachmeister einst angefangen hatte, eigentlich gar nicht werden. Nach dem Studium war er für kurze Zeit Dienstgruppenleiter in Uhingen, „eine kurze, aber intensive Zeit“, blickt er zurück. 1999 wurde er Einstellungsberater und stellvertretender Pressesprecher in Göppingen, seit 2010 war er Pressesprecher. Die Zeiten, als er als Einsatzbeamter im ganzen Land unterwegs war, waren Geschichte, doch die Arbeit in der Öffentlichkeitsarbeit war nicht weniger wichtig und vielseitig.

Gestern nun hat sich Rudi Bauer endgültig aus seinem Polizistenleben verabschiedet. „Ich ziehe die Uniform aus, aber der Mensch bleibt der gleiche“, sagt der 60-Jährige. Dies sei ihm auch in den 40 Jahren wichtig gewesen. Zu zeigen, dass hinter dem Polizisten in Uniform ein Mensch stehe. Vier Wochen Urlaub stehen jetzt an. Der Pensionär wird sich mit seiner Familie in Südtirol erholen. Am 1. September beginnt der offizielle Ruhestand, dem der gebürtige Göppinger gelassen entgegenblickt.

Pläne und Aufgaben hat Bauer genug. Der Vorsitzende des Vereins „Initiative Sicherer Landkreis“ will jetzt, wenn er mehr Zeit hat, noch stärker das Thema Prävention anpacken, um möglichst viele Unfälle und Einbrüche zu vermeiden. Zudem will er weiterhin mit Herzblut Stadtführungen machen und Einheimischen sowie Auswärtigen die Augen öffnen, „dass Göppingen doch gar nicht so schlecht ist“. Wenn Rudi Bauer über seine Heimatstadt spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen – über das Schloss, den Schlossplatz, das Beleuchtungskonzept. Die Entwicklung der Stadt wird er als Mitglied des Göppinger Gemeinderats auch weiterhin mitgestalten.

Der 60-Jährige, der 1189 Mal auf den Hohenstaufen und zurück gerannt ist, will auch wieder vermehrt Sport treiben. Die Fotografie ist eine weitere Leidenschaft des verheirateten Familienvaters und Opas eines eineinhalbjährigen Enkels. Nach dem Urlaub will er seinem Tag schon eine gewisse Struktur verleihen, aber alles entspannt: „Meine Frau darf mir eine To-do-Liste hinlegen. Wann ich die abarbeite, entscheide aber ich“, sagt er lachend.

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