Ihr derzeitiges Programm heißt "Rosige Zeiten" - ein wehmütiger Rückblick?

ROBERT KREIS: Nicht wehmütig. Eher rücken wieder die Parallelen zwischen den Goldenen Zwanzigern und dem Heute in den Fokus. Ich feiere ja mein 40-jähriges Bühnenjubiläum und habe rund 7500 Soloauftritte hinter mir - da weiß man, was macht. Aber es ist verrückt, ich spüre es gar nicht (lacht). Ich bin als Pionier der Weimarer Zeit mit der Retrowelle dank meines Entdeckers Alfred Biolek Anfang der 80er Jahre in Deutschland bekannt geworden. Zuvor war ich in Holland, Belgien, dem Fernen Osten und in Indonesien zugange, bin sehr viel gereist, habe die halbe Welt gesehen. Durch die vielen Auftritte habe ich einiges erlebt, ein sehr bewegtes Leben gehabt, sehr intensiv, wunderbar, von Gott gegeben.

Sie wollen darüber ja auch ein Buch schreiben.

KREIS: Muss ich. Unbedingt. Ich habe wirklich viele Gründe zu schreiben, nur, weil ich momentan auf Tour bin, fehlt mir die Zeit dazu. Aber es macht noch immer Spaß und ich versuche ja auch immer frisch zu wirken. Also nicht, dass man nach so vielen Jahren routiniert, ausgebraucht agiert. Es muss immer so aussehen, als würde man das Programm zum ersten Mal bringen. Ich denke, dass das ganz wichtig ist. Im Schnitt sind es bei mir über 200 Auftritte pro Jahr. Dieses Pensum zu leisten geht nur, wenn man etwas gut kann, aber immer daran arbeitet.

Viele klagen über Burnout, was ist denn Ihr Motivationsgeheimnis?

KREIS: Die Leute, das Publikum, das vor mir sitzt. Und dann hatte ich das große Privileg, dass ich mich nie anpassen musste. Würde ich auch nicht tun und habe ich nie gemacht. Ich bin immer authentisch geblieben.

Also kein Yoga oder stundenlanges durch den Wald laufen?

KREIS: Nein, überhaupt nicht. Ich esse nicht mal Obst. Nur Bananen, alles andere mag ich nicht und gärt bei mir (lacht). Manche sagen zu mir, Herr Kreis, Sie sehen so gut aus, essen Sie viel Obst? Dann sage ich, nie, nur Bananen, die find ich lecker. Ich lebe sehr diszipliniert, rauche und trinke nicht. Ebenfalls noch nie gemacht. Aus Ehrfurcht für diese Arbeit. Ich habe immer gesagt, Kreis, wenn dus machst, dann gut und richtig. Einfach aus Respekt für dieses Metier, denn ich bin noch einer aus der alten Schule. Habe ja auch bei berühmten Leuten gelernt, wie unter anderem von Marcel Marceau, den berühmten Pariser Pantomimen.

Auch von Johannes Heesters?

KREIS: Unglaublich, Jopi war ein Phänomen. Ich habe ihn sehr gut gekannt, verschiedene Male auch mit ihm arbeiten dürfen. Ein sehr agiler Mann, der allerdings viel Gymnastik und Sport machte, selbst auf dem Hometrainer. Sicher hatte der auch gute Gene. Die Rolling Stones zum Beispiel, ebenfalls ein Phänomen. Drogen, Alkohol, Suff, die müssten eigentlich alle tot sein - ich sage nur: Adrenalin. Mein Adrenalin-Spiegel ist ebenfalls enorm. Doch ich brauche den auch bei meinen langen Reisen. Ich fahre manchmal selber, rund 700, 800 Kilometer von Berlin aus und stehe dann am gleichen Abend auf der Bühne.

Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Vorbereiten.

KREIS: Muss ich auch nicht. Gegessen wird zwei Stunden vorher, sonst kann ich nicht gut atmen und das behindert mich dann am stärksten beim Tanzen und Steppen. Einmal im Friedrichsbau, hatte Katja, meine wunderbare Bühnenarbeiterin, großen Liebeskummer. Die brach hinter den Kulissen in Tränen aus. Minuten vor meinem Auftritt tröstete ich sie und dann zack, auf die Sekunde den Schalter rumgedreht und ich war in meinem Programm. Ohne Nervosität oder so etwas. Die habe ich nur vor neuen Programmen, wie das beim Publikum ankommt?

Gibt es da regionale Unterschiede?

KREIS: Ja, es ist vor allem in kleineren Städten, in denen das Publikum bleiern reagiert, eine Herausforderung. Die Franken zum Beispiel, sind für mich persönlich sehr schwer zu begeistern. Die Schwaben sind ruhiger und warten erst mal ab, sind mir aber immer treu geblieben. Über 30 Jahre kommen die schon zu mir. Das ist ein Kompliment, was ich mal machen muss. Eigentlich hat es für mich hier beim SWR erst richtig angefangen. Mit Manfred Adelmann, einem SWR-Regisseur, dem viele namhafte Größen wie Emil, Matthias Richling, Mary & Gordy ihr Fernsehdebüt verdanken. Manfred Adelmann war wie so eine kleine Bulldogge, deswegen nannte man ihn Kugelblitz. Allerdings war der noch richtig vom Fach. Ich muss ganz ehrlich sagen, die heutige Fernsehlandschaft ist entsetzlich geworden.

Inwiefern?

KREIS: Die derzeitigen Comedians zum Beispiel. Die klettern auf eine Bühne, haben keine fachmännische Erfahrung, nichts gelernt. Sie lachen auf Kosten anderer. Penner, Prostituierte, Hartz4-Empfänger, Homosexuelle oder Transvestiten - alles was Randvolk heißt wird von den Komikern beleidigt. Wichtig ist doch, dass man die Leute schätzt in ihrer Welt. Man soll die Menschen anlachen, niemals auslachen. Diese ungeheure Plattheit, diese Frechheit auf vielen Kanälen. Mittermeier, Barth, Appelt, Raab, das ist eine Garde, die könnte ich zum Mond schießen. Er kann was, Stefan Raab, er kann sehr viel, aber warum muss das immer so abdriften ins billigste "Untere-Schublade-Entertainment", wenn man es überhaupt Entertainment nennen kann. Erst kürzlich sagte mir ein Zuschauer, Sie sind einer der letzten, wo man richtig unbeschwert lachen kann. Sie lachen die Leute nicht aus, sondern ihnen zu. Und das ist nämlich das Geheimnis. Du musst dich selbst wahnsinnig aufs Korn nehmen können, selber eigentlich das Opfer sein und letztendlich ist es die Pointe, dass es auf einen zurückkommt, der da steht.

Wie sehen Sie sich selbst in der Welt der lustigen Menschen?

KREIS: Ich bin alte Schule, bin aber trotzdem modern. So freue ich mich über jedes junge Talent, was auf die Bühne kommt. Mach weiter, denn du bist gut. Auch ohne dass du dich verpesten, oder ordinär gesagt, versauen lässt. Schau, dass du auf deiner Richtlinie bleibst. Aber das machen die alle nicht. Ich bin jetzt 64, also muss es weitergehen mit jungen Leuten. Es ist wichtig, dass man das Zepter abgibt, so wie kürzlich Königin Beatrix an Willem-Alexander und Máxima.

Gutes Stichwort, als Holländer, wo waren Sie bei der Inthronisierung?

KREIS: Leider nicht in den Niederlanden, in Konstanz bei Freunden. Aber ich habe den ganzen Tag nichts gemacht, außer nur Königs geguckt. Ich bin ja begeisterter Monarchist und mächtig stolz auf Máxima. Zum Glück hatte ich schon das große Vergnügen, alle drei persönlich kennen zu lernen. Wissen Sie eigentlich, warum Beatrix immer so eine steife Frisur hat?

Bis jetzt noch nicht. . .

KREIS: Sie hasst Kronen und Diademe, hat sie höchst selten getragen. So waren die Haare ihr Markenzeichen, quasi ihre imaginäre Krone und die großen Hüte haben die Krönung komplettiert. Das ist wirklich so: Ich bin zwar Königin, aber ich möchte nicht in diese altmodische Protokollierung versinken. Auch wenn Willem-Alexander vor dem Kennenlernen seiner Máxima etwas steif wirkte, sind die Mitglieder des niederländischen Königshauses sehr relaxt. Beatrix war damals ehrlich interessiert, ihr Sohn ist sehr sympathisch und Máxima ist zehntausendmal schöner als im Fernsehen oder auf einem Bild. Wenn du die in echt siehst, wie die funkelt mit den Augen, wie die lacht, wie die lebt. So etwas von umwerfend, ich war hin und weg. Willem hat da mächtig Glück gehabt.

Was war der Anlass des königlichen Treffens?

KREIS: Das war für mich übrigens eine kleine Krone auf meine Arbeit. Beatrix war 2011 auf Staatsbesuch in Berlin und wollte mich in der niederländischen Botschaft kennenlernen, weil ich so viel für die jüdischen Künstler tat. Ich habe praktisch ehemalige große Kleinkünstler wie Hermann Abendroth, Otto Reutter, Paul O"Montis oder Engelbert Milde wieder ins Rampenlicht gesetzt und gesagt, Kinder guckt mal. Die meisten sind ermordet, vergast oder ausgewandert. Aber ihre kulturellen Nachlässe, wer kümmert sich darum? Wer kümmert sich um diese einmaligen Texte der 20er und 30er Jahre? Wer kümmert sich um diese einmaligen Kompositionen, die in Archiven vergammeln und vermodern? Und da habe ich damals vor vierzig Jahren gedacht: Ich liebe diese Zeit so intensiv, das mache ich.

Praktisch als lebendiges Denkmal oder vielmehr als "Hörmal" und "Sehmal"?

KREIS: Ja, so kann man es ausdrücken. Anfangs habe ich viel aus der Weimarer Zeit herauskristallisiert und mich in meiner musikalisch-kabarettistischen Reise von Ulrich Liebes Buchtitel "Verehrt, verfolgt, vergessen" inspirieren lassen. Doch allmählich habe ich erfahren und gelernt, dass es sehr interessant ist, dass man die aktuellen Sachen von damals - die beängstigend viele Parallelen mit heute haben - langsam in die neueren Programme hinein transferiert. Um einem modernen Publikum die Chance zu geben, dass sie das begreifen und ihnen auch verständlich ist, warum ich das mache.

Wie schaffen Sie die Anbindung der alten Texte an die heutige Zeit?

KREIS: Ganz einfach, es gibt fast nicht zu aktualisieren. Fast alle Texte gelten eins-zu-eins vor hundert Jahren genauso wie heute. Die haben Stil, Humor, Esprit und oft einen aussagekräftigen Inhalt. Ob gleichgeschlechtliche Liebe, die Welt der Singles, sogar das Klonen. Einige schlüpfrige Texte von damals sagen oft ähnliches wie heute aus - nur mit mehr Charme und Humor. Oder es funktioniert nichts. So gehen die Aktienkurse rauf und runter oder überall gibt es Pleiten. Wirtschaftskrise grüßt Eurokrise. Dennoch oder vielleicht gerade drum, herrscht vielerorts Lebenshunger und die Lust am Lachen. Ein Beispiel: Zwei Banker treffen sich in der Eingangshalle der Wallstreet nach dem Börsenkrach 1929. "Entschuldigen Sie Kollege, eine indiskrete Frage, wissen Sie wo die Toiletten sind?" "Mein Herr, es gibt hier keine Toiletten, hier bescheißt der eine den anderen."

Als Künstler haftet Ihnen ja das Etikett Nostalgie an? Leben Sie das auch privat?

KREIS: Nein. In der Freizeit bin ich überhaupt kein Nostalgiker. Doch als Entertainer und Kabarettist war es für mich eine enorme Herausforderung, diese wunderbaren jüdischen Nachlässe, diese kulturelle Vergangenheit zu präsentieren. Und das ausgerechnet von einem Holländer (lacht).


STECKBRIEF

Robert Kreis wird am 10. Mai 1949 in Badoeng auf Java in Indonesien geboren und verbringt dort seine ersten Lebensjahre. Inspiriert durch seine Großmutter, Jazzpianistin und Bandleaderin auf Luxuslinern, lernt er früh Klavier zu spielen. Nach seinem Abitur in Holland sticht er zunächst als Bellboy und Steward in See, unterhält aber später dank seines musikalischen Talents ältere Herrschaften zum Tee. Wieder zu Hause besucht er drei Jahre lang die Schule für Kleinkunst in Den Haag, auf der quasi der Grundstein zum erfolgreichen Kabarettisten und Entertainer gelegt wird. Über 7000 Schellackplatten, Notenblätter und Literatur bezeugen seine Affinität zur Weimarer Zeit. Mit dem Ziel, die große Ära der durch den Nationalsozialismus zunichte gemachten Kleinkunst und deren Künstler vor dem Vergessen zu bewahren, tritt Robert Kreis seit vier Jahrzehnten mit Frack, Pomade im Haar und Menjou-Bärtchen auf. Durch Alfred Biolek entdeckt, ist er seit 1981 vorrangig als Solist auf deutschsprachigen Bühnen zu Hause. Robert Kreis lebt seit 2008 in Berlin.

www.robert-kreis.com