Göppingen Ringelblumenernte auf dem Bad Boller "Sonnenhof"

Göppingen / SABINE ACKERMANN 11.08.2012
Die heilenden Wirkstoffe der Ringelblume liegen dem Menschen eigentlich zu Füßen. So ist es auch auf den Feldern des Sonnenhofs in Bad Boll. Gleich nebenan bringt die Firma Wala die Ringelblume als Salbe in die Tube.

Behutsam nimmt Sebastian Brunn ein Köpfchen zwischen die Finger und - ratsch - mit einem Ruck ist es ab und wandert zu den vielen anderen in den Eimer. Diese Handbewegung wiederholt er in den nächsten drei, vier Stunden immer wieder. Entweder mit links oder rechts oder beidseitig. Gewissermaßen in Stereo und freiwillig - obwohl der Zeiger gerade mal 5.30 Uhr anzeigt. Brunn ist Ringelblumenpflücker. Zumindest zeitweise und nur frühmorgens. Denn ansonsten sitzt der Leiter des Internationalen Vertriebs für Dr. Hauschka Kosmetik bei der Wala in Eckwälden hinterm Schreibtisch. Doch seit zwei Jahren versinken seine Füße im Juli in der feuchten kalten Erde.

Während sich der Nebel aus Dampfwölkchen, der dicht über dem Boden die Beine so schön frischhält, langsam auflöst, bringt die Sonne mit ihrer Strahlkraft ein orangenes Meer voller Ringelblumen zum Glühen. "Wenn man dieses intensive Leuchten direkt vor seinem Auge sieht, das hebt sofort die Stimmung", verrät der 37-Jährige. Im Einklang mit der Natur zu sein, ist nur einer seiner Beweggründe. Wie viele seiner "Pflückkollegen" hilft Sebastian Brunn zusätzlich aus, weil zur Calendula-Ernte einfach ein Bedarf an erhöhter Handarbeit da ist. "Zum einen braucht man dazu helfende Menschen und zum anderen macht es Spaß und ist für mich auch eine außerordentliche Erfahrung", betont der Kirchheimer.

"Soll ich jetzt gleich unten bleiben?", fragt er sich und verrät seine Gedanken während des Pflückens. "Richtet man sich gleich auf, dann ziept es im Rücken und man weiß ja, ich muss jetzt gleich wieder runter, das wird dann auch unangenehm." Trotz der Anstrengung freue man sich über das Erfolgserlebnis und den schönen Ausgleich. "Man kann dann direkt das Ergebnis seiner handgezupften Blüten sehen, messen und wiegen."

Neben dem tollen Gefühl ist es für den Abteilungsleiter auch eine schöne persönliche Erfahrung: "So habe ich als Einzelner einen direkten Bezug zu der Herstellung dieses Produkts, das ich praktisch auf der ganzen Welt verkaufe. Auf dem Feld kann ich selber diesen Ursprung spüren. Wie riecht die Calendula, wie fühlt sie sich an? Wie unterscheidet sich eine Blüte, die reif ist und sich leicht ablösen lässt von einer, die noch nicht so weit ist. Die will auch gar nicht gepflückt werden, habe ich da immer ein bisschen das Gefühl."

Man merkt Sebastian Brunns Begeisterung, wenn er eine Blüte pflückt, auf der sich eine Hummel erst mal aus dem Schlaf aufrappelt, um dann leicht torkelnd in die wärmende Sonne zu fliegen. "Wenn man nach getaner Arbeit gemeinsam mit guten Freunden - mit denen man vielleicht kaum ein Wort gewechselt, aber dafür seine Erfahrungen geteilt hat - sein wohlverdientes Frühstück einnimmt, den Morgen quasi ausklingen lässt und dann zu seiner eigentlichen Arbeit geht, will man diese Stunden nicht mehr missen."

Bereits Anfang und Mitte April sät Bernhard Klett vom firmeneigenen Demeterhof "Sonnenhof" den Ringelblumensamen aus. "Wir säen immer in zwei Sätzen mit zirka drei Wochen Abstand. Ist das Wetter über Tage zu trocken oder zu nass, sind wir auf der sicheren Seite", erklärt der Geschäftsführer und ergänzt: "Dabei rotieren wir, halten somit eine gewisse Fruchtfolge ein, weil ja bekanntermaßen Pflanzen aus der gleichen Familie nie nacheinander angebaut werden sollten."

Auf einem Hektar sprießen dann die Ringelblumen. Erblickt man das orangene Blütenmeer von weitem, denkt man, es seien vier Felder. In Wirklichkeit befindet sich darin aber ein Kreuz, um den Acker besser begehbar zu machen.

Zwischen den Reihen gibt es Rillen, so befindet sich praktisch eine Blumenreihe zwischen den Beinen, rechts und links liegen weitere Reihen. "So pflückt sichs am schnellsten", weiß der Fachmann, der freilich selbst Hand anlegt.

Seit 2002 leitet Bernhard Klett gemeinsam mit Christof Seeger den Sonnenhof. Während sein Kollege für den Ackerbau zuständig ist, kümmert er sich um das Wachsen und Gedeihen sowie die Organisation der zahlreichen Heilpflanzen. "Die Kisten mit den Blüten kommen sofort zur Verarbeitung in die Wala. Je schneller, desto besser, der Vorteil des kurzen Weges ist ja bereits gegeben." Geerntet werden ausschließlich nur die Blütenköpfe aus eigenem biologisch-dynamisch bewirtschafteten Wala-Garten, aus Wildsammlungen. Die Ringelblumen stammen aus kontrolliert-biologischem Anbau und stehen ohne Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel in einem stabilen Ökosystem gesund, vital sowie buchstäblich in "voller Blüte".

"Üppigkeit und Sonnenhaftes" - diese Attribute zum Wesen der Ringelblume fallen auch Viola Metschies ein. Schon als Kind half sie ihrem Vater Klaus-Dieter Metschies beim frühmorgendlichen Pflanzensammeln und zählt von daher zu den "Stammpflückern". "Man bekommt einen ganz andern Bezug zu seiner Arbeitsstelle", sagt die 48-jährige Abfallbeauftragte, die generell viel in der Natur ist. Mit den Jahren freilich immer schneller und geübter geworden, kommen so rund vier bis fünf prallgefüllte Zehn-Liter-Eimer in der Stunde zusammen. "Mir gefällt vor allem die gute Teamarbeit und das harmonische Miteinander", sagt sie und lobt ihren Arbeitgeber, dem auch schon ihr Vater über dreißig Jahre lang angehört hatte.

Im Schnitt zupfen zweimal die Woche zwölf bis 15 Mitarbeiter bis zu vier Stunden die Calendula-Blüten. Viele davon sind Stammpflücker, so ist ja die Ringelblume nur eine der vielen Heilpflanzen, mit denen die Wala arbeitet. Neue "Erntehelfer" werden vom Experten fachmännisch eingelernt. "Die machen das alle ganz prima. Diejenigen, die noch etwas ungeübter sind, gehen etwas vorsichtiger an die Sache. Doch man hat den Dreh schnell raus. Abknicken und abdrehen." Je höher die Pflanze sei, desto besser gehe es, weiß der Fachmann. "Nach Möglichkeit sollte nichts vom Stängel dran sein. Taufrisch pflückt sichs leichter, dann kleben die Blüten noch nicht so", verrät Bernhard Klett, der lächelnd zugibt: "Heuer war ein fantastisches Jahr, man merkts am Rücken."

Zwischendurch macht er immer wieder Stichproben von den zirka sechs bis acht Kilogramm schweren Kisten. "Qualitätskontrolle ist alles, denn die Beschaffenheit der Blütenblätter sollte schon 1A sein." Schließlich kommt die pflückfrische Ware zu Susanne Geisel. Die ausgebildete Lebensmitteltechnologin zerkleinert die Blüten und setzt sie in einem großen Steinzeug-Behälter mit Wasser und wenig Alkohol an. Bei wässrigen Heilpflanzenauszügen kommt jedoch kein Alkohol hinzu.

Über einen Zeitraum von sieben Tagen wirken licht- und bewegungsrhythmische Prozesse auf die Essenzen, die aus der Kenntnis der Naturrhythmen und des menschlichen Organismus entwickelt wurden: Mitarbeiter rühren morgens und abends die Ansätze zweimal kräftig durch. "Dabei kommt Licht an die sonst im Dunklen stehenden Ansätze. Nach einer Woche werden die Essenzen abgepresst und filtriert. Ein kleiner Anteil des veraschten Pressrückstandes wird den filtrierten Essenzen zugesetzt", plaudert Susanne Geisel aus dem Nähkästchen. Für Ölauszüge dürfen getrocknete Heilpflanzen mit pflanzlichem Öl ebenfalls eine Woche lang reifen. Die Mischung ist während dieser Phase kontinuierlich auf 37 Grad erwärmt - die Körpertemperatur des Menschen. Morgens und abends wird der Ansatz durchmischt, damit die die ganze Kraft der Heilpflanze ins Öl übergeht.

Nach Abschluss dieses Prozesses wird gleichfalls wie bei der Essenz abgepresst und filtriert. Bei der Wala entstehen aus den Auszügen der Ringelblume beispielsweise After Sun Lotion oder Waschcreme, Lippenkosmetikum und Haarwasser.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel