Hamburg/Eislingen Riesenauge überwacht Reeperbahn

Hamburg/Eislingen / MARCUS ZECHA 28.08.2015
Dem großen Auge über den Dächern von St. Pauli entgeht nichts. Rund um die Uhr scheint es Passanten zu beobachten. Gestaltet hat die Videoaktion der aus Eislingen stammende Künstler Thomas Tabbert.

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, ob du'n Mädel hast oder ob kein's . . .", singt Hans Albers. Ja, an der Ecke Große Freiheit/Reeperbahn, da amüsiert man sich - und man wird beobachtet. Ob morgens, abends oder nachts um halb eins, ob mit oder ohne Mädel - dem Auge über den Dächern von St. Pauli entgeht nichts. Rund um die Uhr scheint es Passanten zu beobachten. Der zwölf Quadratmeter-Augapfel wird schon durch seine schiere Größe zu einem beunruhigenden Bild für etwas, das sonst meist unbemerkt und abstrakt abläuft: die totale Überwachung des Einzelnen durch den Staat, wie sie George Orwell einst in seinem Roman "1984" düster-visionär ausgemalt hatte.

Verantwortlich für die Kunstaktion ist der in Eislingen aufgewachsene Thomas Tabbert, der bis zum Jahr 2000 als Kunstkritiker für die Kulturredaktion unserer Zeitung und fürs Feuilleton der Südwest Presse gearbeitet hat. "Der NSA-Skandal hat mich als Künstler aufgeweckt", sagt der 46-Jährige. Und das ist fast schon wörtlich zu nehmen. Denn Tabbert träumte eines Nachts von einem riesenhaften Augapfel, doppelt so groß wie ein Mensch. Doch wie gestaltet man einen solchen Traum? Tabbert rief einfach bei der Werbefirma Kultscreens an. Deren Chef war von der Idee so angetan, dass er ihm kurzerhand einen seiner LED-Großbildschirme zur Verfügung stellte, die normalerweise die großen Konzerne für ihre Kampagnen buchen. So wurde ausgerechnet über Hamburgs Amüsiermeile landesweit erstmals Kunst auf digitalen Billboards gezeigt.

Statt Kaufanreize zu schaffen oder die Sinne zu kitzeln, will Tabbert mit seinem Eyeball die Menschen zum Nachdenken bewegen. "Überwachung erhält hier ein persönliches Gesicht, die 'Herrschaft des Blicks' wird spürbar", erläutert der Medieninformatiker seine Arbeit, die seit 10. Juli installiert ist. Anfangs blinkte das Auge alle drei Minuten in die Menge, seit der Verlängerung der Aktion bis zum 1. September immerhin noch alle acht Minuten. Zu sehen ist übrigens Tabberts eigenes Auge, das ein Assistent für die Aktion filmte.

Tabbert hat sich auch selbst unter Volk gemischt und die vom Auge beobachteten Beobachter beobachtet. Sein Fazit: Die Betrachter reagieren sehr unterschiedlich. "Manche ignorieren das Auge einfach, auch wenn es schwer zu ignorieren ist, andere glotzen regelrecht verwundert." Eben weil die allgegenwärtige Überwachung meist nicht sichtbar ist, sei sie bei vielen immer noch kein großes Thema.

Thomas Tabbert hat schon früh mit der Kunst begonnen, zunächst mit Malerei, später, als Tankred Tabbert, mit digitalen Arbeiten, meist und gerne in Serien - irgendwo zwischen "la grande bellezza", der Suche nach dem Wahren-Schönen-Guten, und einem zeitkritischen, selten ironiefreien Ton.

Bewusst sucht sich Tabbert für seine Aktionen öffentliche Orte aus und provoziert dabei schon mal gern. "Alles fing im Jahr 2000 an, als ich Schokoladetafeln in einen Supermarkt schmuggelte, deren Hüllen die abgebildete Kuh nicht in lila, sondern in der ursprünglichen braunen Farbe zeigten", erzählt er. Und auf einem Foto seiner Homepage sieht man ihn mit ernster Miene vor einer hanseatischen Villa stehen, mit einem Schild in der Hand, auf dem steht: "Eure Armut kotzt mich an!"

Der Eyeball über den Dächern der Reeperbahn ist da weniger provokant. Dafür schießt die Botschaft durch die Augäpfel direkt ins Hirn der Überwachten, die eigentlich ins Rotlichtviertel gekommen sind, um andere Dinge zu schauen als ein großes Auge. Viel direkter kann Kunst wohl kaum wirken.

Inzwischen hat Tabbert mit seiner Video-Installation erstmals die Zuschauer-Marke von einer Million geknackt - "live vor Ort und nicht auf Youtube", wie Tabbert betont. Natürlich hat er die Leute nicht selber gezählt: Basis sind Mediadaten, die seit Jahren bei der Nutzung von LED-Werbewänden verwendet werden. Anfang September entscheidet sich nun, ob Eyeball auf einer Informatiker-Konferenz zum Thema "Konsumkultur und Überwachung" in Erlangen gezeigt wird.

Der Eyeball als Sprungbrett zur großen Künstler-Karriere? Thomas Tabbert - halb Schwabe, halb Hanseate - bleibt auf dem Boden. "Ich glaube nicht im Ernst daran, dass mir so etwas in diesem Leben noch einmal passiert."

Info: www.tankred-tabbert-art.de.tl, unter Shop + Aktuelles

Kunstkritiker, Medieninformatiker, Computersuchtexperte

Biografisches: Thomas Tabbert (46) ist in Eislingen aufgewachsen, er arbeitete in den 90er Jahren als Kunstkritiker für unsere Zeitung und wurde für den 1. Deutschen Kunstkritiker-Preis der Arbeitgemeinschaft Deutscher Kunstvereine nominiert. Nach Studium und Promotion in Stuttgart zog er 2003 nach Hamburg, wo er das Hamburger Institut für Artifizialanthropologie leitete. Er war Lehrbeauftragter für Neue Medien, Digitale Medien sowie Medieninformatik an der Hochschule Bremen und der Filmakademie Baden-Württemberg. In den vergangenen Jahren hat er sich als Experte für Medieninformatik und Computersucht ("Das spaltet ganze Familien") einen Namen gemacht und war Mitbegründer der Mediensucht-Hilfe in Hamburg. 2011 hielt er bei der VHS Göppingen einen viel beachteten Vortrag über Computerspielsucht. Nebenbei arbeitet der Kunsthistoriker als freier Dozent und Referent.

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