Göppingen REPORTAGE: Inklusiv Wohnen - geht das überhaupt?

Göppingen / INGE CZEMMEL 09.01.2016
Menschen mit und ohne Behinderung in einer inklusiven Wohngemeinschaft? Kann das funktionieren? Die Stiftung Haus Lindenhof zeigt, dass und wie es geht.

Im Wintergarten duftet es nach Kaffee. Junge Leute zwischen 20 und 33 Jahren scharen sich um den Tisch und erzählen sich, was tagsüber bei der Arbeit und im Studium so gelaufen ist. Drei der WG-Mitbewohner sind noch bei der Arbeit und kommen erst später nach Hause. Caspar ergattert unter dem Protest der anderen lachend das letzte Stück Rührkuchen. Kochen, essen, Fernseh gucken, putzen und Spaß haben, sich über nicht weggeräumte Chipstüten ärgern, in der Wohngemeinschaft in der Marstallstraße wird über Kleinigkeiten gestritten, zusammen gelacht und gefeiert.

Auf den ersten Blick eine stinknormale Wohngemeinschaft, in der jeder der sieben Mitbewohner so seine Eigenheiten hat. Sven kocht und grillt gern, Andrea spielt Keyboard und singt manchmal zu laut und Melanie steckt mit ihrem Lachen alle an. Und doch ist diese WG eine besondere. "Hier wohnen ,MiBs' und ,MoBs'", erklärt ein Bewohner und alle lachen. "Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung", folgt die Erklärung. Caspar boxt Sven liebevoll in die Rippen. Die beiden wirken wie "ziemlich beste Freunde". Sven hat mehrere Handicaps. Eines davon ist, dass er nur schwer zu verstehen ist, wenn er spricht. Caspar, der in Göppingen Mechatronik studiert und seit etwas über einem Jahr in der inklusiven WG der Stiftung Haus Lindenhof wohnt, übersetzt ihn sozusagen simultan. "Das passt gut mit uns", schmunzelt er und schwärmt von Svens gegrillten Steaks. "Er ist ein absoluter Grillmeister am Smoker", verrät er.

Das WG-Zimmer hat Caspar unter "WG gesucht" gefunden und sich darum beworben. "Ich fand die Idee dieser Mischung cool und dachte, das kann man ja mal ausprobieren." Bereut hat er die Entscheidung bisher nie. "Es ist wie in einer gewöhnlichen WG. Es braucht ein bisschen bis man sich gefunden hat, es bauen sich Beziehungen auf, mit dem einen hat man mehr Kontakt mit dem anderen weniger",

grinst er. Wie in anderen WGs ist auch in den beiden inklusiven WGs der Stiftung Haus Lindenhof die Nachfrage größer als das Angebot. Sowohl bei "MiBs", wie bei "MoBs". Auch Caspar musste ein "Casting" durchlaufen. "Wir sondieren die Bewerber und schauen, wer passen könnte", erklärt Organisationsleiter Uwe Bauer. "Wer in die Auswahl kommt, muss in der WG hospitieren und die Bewohner entscheiden, wer einziehen darf." Caspar hatte Glück. Er durfte. Seine Freunde taten sich anfangs etwas schwer mit der besonderen Situation, doch je öfter sie kamen und den Mitbewohnern begegneten, umso mehr entspannten sie sich.

In den inklusiven Wohngemeinschaften unterstützen die Bewohner ohne Behinderung die anderen. Vieles läuft unkompliziert und von selbst, aber es gibt auch einen festen "Dienstplan". Für diese Stunden, in denen man sozusagen "den Hut auf hat" und die Verantwortung trägt, gibt es eine Aufwandsentschädigung, so dass das Wohnen relativ günstig wird. Die "MoBs" werden selbstverständlich nicht ganz allein gelassen. Unterstützung gibt es von einem professionellen Betreuerteam, einer Heilpädagogin und einer Sozialpädagogin.

Immer wieder klingelt es. Freunde aus der WG in der Marktstraße schauen vorbei, sagen "Hallo", treffen Verabredungen. Die Bewohner der beiden Linden-

hof-WGs unternehmen oft etwas gemeinsam. Ausflüge, Grillabende, Kinobesuche, Weihnachtsmarkt - wer Zeit und Lust hat macht mit. "Oft sind alle dabei, obwohl keiner Dienst hat und ohne dass von uns irgendwas organisiert wurde", freut sich Uwe Bauer und stellt fest, dass die Wohnform irgendwie allen gut tut. "Viele Erfolge und Entwicklungen passieren einfach, ohne dass man etwas Besonderes dazu tut." Obwohl jeder ein eigenes Zimmer und einen eigenen Fernseher hat, hocken auch abends oft einige WGler im gemeinsamen Wohnzimmer zusammen. "Das Programm bestimmt der, der die Fernbedienung hat", grinst Sven und berichtet, dass Caspar ihm gerade Englisch beibringt. "Auf Englisch versteht man ihn besser als auf Deutsch", begründet der sein Engagement und foppt den Kumpel. Mindestens zwei Jahre werden sie noch miteinander verbringen. So lange dauert Caspars Studium noch. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird die Freundschaft auch danach bestehen bleiben.

Die bisherige Erfahrung zeigt, dass es ehemalige Mitbewohner immer wieder zurück in die WGs zieht. Emily zum Beispiel, die gerade zum Kaffee einen Besuch macht. "Auch unter den FSJlern, Praktikanten und Sozialarbeitern gibt es viele "Hängengebliebene", die immer mal wieder vorbei schauen und in Kontakt bleiben", freut sich Uwe Bauer, der für die Stiftung immer auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum in Zentrumsnähe ist. "Inklusion treibt uns an", erklärt er. "Wir sind glücklich, dass wir für Leute, die im stationären Wohnen nichts verloren haben, aber auch nicht ganz alleine zurechtkommen, eine Lücke schließen konnten." Die Entwicklung in der WG könne durchaus bei manchen dazu führen, dass Einzelwohnen möglich werde. "Das würde ich gar nicht wollen", erklärt Melanie und schüttelt den Kopf. "Hier ist es nie langweilig", ist sie zufrieden genau wie es jetzt ist.

"Man investiert viel, bekommt aber auch sehr viel zurück", hat Caspar festgestellt. Für ihn und all seine Mitbewohner ist Inklusion weit mehr als nur ein Wort. Die WG-Bewohner und WG-Bewohnerinnen zeigen, dass das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung im Alltag funktionieren kann. Die Frage ob "MiB" oder "MoB" stellt sich plötzlich gar nicht mehr. Gelebt wird nach dem Motto: "Sind wir nicht alle irgendwie behindert?" Die Zauberworte, die Zusammenleben möglich machen, heißen wie überall: Gleichberechtigung, Persönlichkeit, Selbstständigkeit, Spaß, Miteinander und Freiheit.

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