Göppingen / Helge Thiele Nach seiner Wiederwahl als Göppinger Baubürgermeister spricht Helmut Renftle im Interview mit der NWZ über die nächsten Aufgaben, seine Zusammenarbeit mit OB Till und die vielen Baustellen in der Innenstadt.

Herr Renftle, hatten Sie schon damit begonnen, Ihren Schreibtisch aufzuräumen, bevor Sie sich entschlossen haben, doch wieder als Baubürgermeister zu kandidieren?

Helmut Renftle: Ich hatte zumindest für die verschiedenen Projekte, die aktuell laufen, eine Übergabe vorbereitet. Darüber hinaus war meine offizielle Verabschiedung schon geplant. Aber diese Planung kann man ja später wieder aus der Schublade holen, denn irgendwann höre ich ja wirklich auf (lacht).

Der Ruhestand muss jetzt erst mal warten. Der Gemeinderat hat Sie mit großer Mehrheit zum alten und neuen Baubürgermeister gewählt. Wie lange bleiben Sie denn nun noch im Amt? Werden Sie die vollen fünf Jahre weitermachen, die bis zum Erreichen der Altersgrenze von 73 Jahren möglich sind?

Ich sehe es als meine  und unsere Aufgabe, eine Übergabe an einen Nachfolger vorzubereiten mit dem klaren Ziel, die Kontinuität unserer Arbeit sicherzustellen. Den richtigen Zeitpunkt für die Übergabe muss man finden. Gemeinsam mit dem Gemeinderat und dem Oberbürgermeister werden wir ihn finden. Es geht darum, dass das Baudezernat arbeitsfähig bleibt. Denn es gibt ja in Kürze auch einen Neustart im Stadtplanungsamt, da Frau Mehlis die Stadt Ende des Monats verlässt. Die Ausschreibung für die Neubesetzung  dieser  Stelle läuft. Irgendwo muss auch eine Konstante sein. Das war für mich der Grund, doch zu kandidieren, nachdem ich mich zunächst anders entschieden hatte.

Mit 27 Ja-Stimmen und einer Gegenstimme fiel das Ergebnis für Sie sehr deutlich aus. Sie waren der einzige Kandidat, nachdem die anderen verbliebenen Bewerber zurückgezogen hatten. Dennoch gibt es aus der Bevölkerung auch Kritik an dem Prozedere, das zu Ihrer Wiederwahl führte. Können Sie diese kritischen Stimmen nachvollziehen?

Ich hatte dem Gemeinderat Mitte des vergangenen Jahres mitgeteilt, dass ich nicht weitermachen will. Dann haben sich die Verhältnisse aber geändert. Während die Bewerbungen für meine Nachfolge liefen, erreichte uns die Nachricht, dass Frau Mehlis zur neuen Stadtplanerin in Nürtingen gewählt wurde. Das sorgte für eine neue Situation. Und ich bin von Mitgliedern des Gemeinderats aus mehreren Fraktionen gefragt worden, ob ich es mir unter den neuen Umständen nicht doch vorstellen könnte, meine Arbeit als Baubürgermeister in Göppingen fortzusetzen. Das konnte ich mir vorstellen, obwohl ich mich auf den Ruhestand gefreut hatte.

Die Bewerber, die es für Ihre Nachfolge gab, entsprachen ganz und gar nicht dem Geschmack des Gemeinderats. Es gibt auf der anderen Seite aber auch Bürger, die Ihnen eine zu große Nähe zu Oberbürgermeister Guido Till vorhalten. In einem Leserbrief in unserer Zeitung wurden Sie als „Vasall von OB Till“ bezeichnet. Sind Sie das?

Ich arbeite seit 14 Jahren mit Oberbürgermeister Guido Till zusammen. Wir sind natürlich nicht immer einer Meinung. Aber ich schätze an Guido Till, dass er auch seine Meinung ändern kann, wenn er überzeugt wird. Wir pflegen unsere Zusammenarbeit so, dass wir unterschiedliche Positionen intern diskutieren, bevor wir in den Gemeinderat oder in die Öffentlichkeit gehen. So mag der Eindruck entstehen, dass wir immer einer Meinung sind. Dem ist aber nicht so. Hinzu kommt, dass ich mit Tills rheinischem Naturell gut zurechtkomme, weil ich das tägliche Training zu Hause habe mit meiner Frau, die ebenfalls aus dem Rheinland stammt (lacht). Ich mag und schätze die rheinische Art.

Können Sie Beispiele nennen für Themen, bei denen Sie und OB Till unterschiedlicher Meinung waren oder sind?

Ja, bei der inzwischen eröffneten Tiefgarage am Bahnhof waren wir anfangs noch unterschiedlicher Ansicht. Auch beim Umgang mit dem Apostel-Hotel war das so.

Was sind für Sie aktuell die wichtigsten Projekte?

Ganz aktuell natürlich der Verkauf des städtischen Verwaltungszentrums am Bahnhof. Ich denke, wir können sehr stolz auf das sein, was wir am Bahnhof gestaltet haben. Und ich habe volles Verständnis dafür, das neue Gebäude nun an die Firma Teamviewer beziehungsweise an die Kreissparkasse abzugeben. Teamviewer ist begeistert von dem Gebäude. Unser Ziel bleibt dennoch erhalten: Wir wollen städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein angemessenes neues Verwaltungszentrum mit modernen Arbeitsplätzen bieten und auf diese weise fünf bis sechs bisher in der Innenstadt verstreut liegende städtische Dienststellen zusammenfassen. Wir wollen dies nun etwas weiter westlich auf dem ehemaligen Müller-Areal verwirklichen, wo wir als Stadt zudem die Chance haben, das letzte verbliebene innerstädtische Quartier neu zu entwickeln. Was wir am Bahnhof hinbekommen haben, nämlich ein hochwertiges Innenstadt-Quartier herauszubilden, wird uns mit Sicherheit auch auf dem Müller-Areal gelingen. Wir werden auch dort einen Wettbewerb ausloben, weil wir von der Lage und den damit verbundenen Fragestellungen vor einer neuen Situation stehen. Da wird es auch neue Ergebnisse geben, zumal die Stadt auf dem ehemaligen Müller-Areal auch das Thema innerstädtisches Wohnen unterbringen kann. Trotzdem fangen wir, weil wir ja das städtische Dienstleistungszentrum am Bahnhof gebaut haben, das jetzt von der Firma Teamviewer übernommen wird, auf dem Müller-Gelände mit unserer Planung nicht bei Null an. Es wird etwa drei bis vier Jahre dauern, bis wir in das neue Verwaltungszentrum dort einziehen können. Der Vorteil ist, dass das Areal zum selben Sanierungsgebiet („Bahnhofsumfeld“) gehört, was die Thematik der Zuschüsse vom Land vereinfacht.

Welches sind die nächsten Schritte?

Zunächst werden wir die Baustelle des städtischen Verwaltungszentrums am Bahnhof so lange begleiten, bis das Gebäude von der Kreissparkasse übernommen wird.

Und wie sieht danach die Arbeitsteilung auf dem Müller-Areal aus?

Die Stadt wird dort das Rathaus bauen, die städtische Wohnbau die Wohnungen. Insgesamt sprechen wir über eine Fläche von rund 5000 Quadratmetern.

Sie erwähnen die Wohnbau, die sich gemeinsam mit der Stadt häufig der Kritik ausgesetzt sieht, wonach in Göppingen zu viele alte Gebäude abgerissen werden? Wie beurteilt das der Baubürgermeister?

Ich finde es erfreulich, dass sich in der Innenstadt etwas tut, dass investiert wird. Das war ja nicht immer so. Natürlich haben wir derzeit eine massive Phase: Zurzeit gibt es 18 Baumaßnahmen in der Innenstadt. Ich verstehe, dass dies bei manchem Göppinger Bürger die Sorge erzeugt, dass sich die Stadt zu sehr verändern könnte. Diese Sorge müssen wir ernst nehmen und berücksichtigen. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass die Leute sehen werden, dass Göppingen eine schöne Stadt ist. In diesem Zusammenhang ist es mir auch wichtig zu erwähnen, dass wir in der Stadt seit vier Jahren einen Gestaltungsbeirat haben, der alle diese Baumaßnahmen begleitet hat. Die Handschrift des Gestaltungsbeirats ist da also schon zu sehen. Ein gutes Beispiel ist da das Apostel-Hotel. Es war wichtig, dass dort durch die geplante Nachbildung der Fassade das Stadtbild erhalten bleibt und die Wiedererkennung somit gesichert wird.

Könnte dieses Beispiel nicht auch an anderer Stelle Schule machen?

Auf jeden Fall. In meinen Augen könnte das Mittel der Rekonstruktion auch an anderer Stelle eine Lösung darstellen. Ich bin sicher: Wenn das neue Apostel-Hotel fertig ist, wird man sagen: Das sollte man öfter machen. Wir schauen uns jede Maßnahme in der Innenstadt genau an und begleiten sie konstruktiv. Von den angesprochenen 18 Baumaßnahmen sind übrigens nur fünf von der Stadt beziehungsweise der städtischen Wohnbau, bei den anderen 13 handelt es sich um Baumaßnahmen von privater Seite.  Bei vielen alten Gebäuden ist es oft so, dass die Bausubstanz sehr einfach und schlecht erhalten ist. Und es gibt es steile, enge Treppen. Diese Häuser wurden nach dem Stadtbrand in aller Eile gebaut, damit die Menschen ein Dach über dem Kopf hatten. Es gilt, in jedem Einzelfall zu prüfen, ob eine Sanierung in Frage kommt.

Was sind weitere wichtige Aufgaben, die im Baudezernat anstehen?

Ganz wichtig ist neuer Wohnraum. Dafür muss die Stadt die Voraussetzungen schaffen, zum Beispiel durch die Ausweisung von Bauland. Das ist für mich ein Top-Thema. Von großer Bedeutung sind auch die Bereiche Bildung und Kinderbetreuung. Die Stadt wird sich weiter um die Sanierung und den Ausbau von Schulen kümmern. Und wir haben nicht nur die Innenstadt im Blick, sondern wollen auch die Entwicklung der einzelnen Stadtteile und Stadtbezirke weiter vorantreiben. Wir haben in allen Stadtteilen Bauland ausgewiesen oder sind dabei, dies zu tun. Die Menschen sollen die Möglichkeit haben, dort wohnen zu bleiben, wo sie gerne leben und sich wohlfühlen.

Zur Person: Helmut Renftle

Helmut Renftle ist seit Juli 2014 Baubürgermeister der Stadt Göppingen. Von 1983 bis 2014 leitete er in der Verwaltung den Fachbereich Tiefbau, Umwelt und Verkehr. Der gebürtige Geislinger studierte von 1970 bis 1976 Bauingenieurwesen und Städtebau in Stuttgart und Aachen. Der 67-Jährige ist verheiratet und hat eine Tochter.