Klassik Reizvolle Vergleiche

Drei junge Pianisten und die Philharmonie Lemberg gestalteten das Meisterkonzert in der Göppinger Stadthalle.
Drei junge Pianisten und die Philharmonie Lemberg gestalteten das Meisterkonzert in der Göppinger Stadthalle. © Foto: Staufenpress
Göppingen / Ulrich Kernen 16.04.2018

Zu einem nicht alltäglichen Experiment waren die Zuhörer im Meisterkonzert in der Göppinger Stadthalle eingeladen: Drei junge Preisträger im renommierten Klavierwettbewerb „Geza Anda“ stellten sich mit drei Klavierkonzerten von Ludwig van Beethoven vor. Da war man natürlich gedrängt, Vergleiche anzustellen

Die Begleitung hatte die Philharmonie Lemberg übernommen. Ihr Leiter, Henri Sigfridsson, war vor Jahren einmal selbst Preisträger im Geza-Anda-Wettbewerb gewesen. Die Lemberger traten eher in Kammerorchester-Besetzung an. Das ließ zum einen den Solisten Raum zur Entfaltung, die Bassgruppe war aber insgesamt klanglich zu schwach besetzt. Befremdlich waren im ganzen Konzert immer wieder die geradezu ruppigen Abschlüsse von Phrasen in den hohen Streichern.

Das eröffnende zweite Konzert in B-Dur opus 19  durchzieht noch der Charme Mozarts. Aleksandr Shaikin hielt das Tempo durchweg flüssig und zeichnete die großen Linien nach. So konnte er auch im langsamen Satz die Spannung halten. Dem dritten Satz nahm er das Widerborstige, indem er ihn durchweg spritzig anging. So überzeugte er durch lebendiges Spiel. Das Orchester hielt sich zurück und ließ den Solisten gewähren.

Der Einstieg in das nun folgende vierte Klavierkonzert G-Dur opus 58 ließ sofort aufhorchen. Mit wahrhaft entrücktem Klang entführte Andrew Tyson das Publikum in eine andere Welt. Er genoss es, in großer Gelassenheit Motive aus dem Piano heraus zu entwickeln und in wunderbaren Klangfarben leuchten zu lassen, wobei er auch die Kunst kleiner Rubati – also Tempovariationen – vollendet beherrschte. So eröffnete er immer wieder neue Räume und man ahnte, dass hier einer das Zeug hat, ein ganz Großer zu werden.

Außerdem konnte man bewundern, was ein Steinway-Flügel auf Weltniveau in sich hat. Das Publikum lauschte gebannt diesem wundervollen Spiel und das Orchester ließ sich von der Intensität des Soloparts inspirieren. Auch der Schlusssatz erschöpfte sich nicht in lärmenden Kraftakten, vielmehr perlte er wie guter Champagner und das Orchester galoppierte tüchtig mit.

Hustende musizieren mit

Dem abschließenden fünften Konzert in Es-Dur opus 73 sagt man einen „kämpferischen und selbstbewussten Ton“ nach, stammt es doch aus einer unruhigen, kriegerischen Zeit. Ronaldo Rolim ließ seine Zuhörer oft „die Pranke des Tastenlöwen“ spüren. Lyrische Partien waren immer wieder nur Durchgangsstationen für weitere glutvolle Ausbrüche, die er mit wuchtiger Körpersprache begleitete. Das Orchester traf im langsamen Adagio den innigen Charakter, während das Spiel des Solisten flach blieb. Allerdings „musizierten“ auch zahlreiche Hustende im Saal mit, was den Genuss nachhaltig trübte. Im Vergleich zu den beiden anderen Solisten liebt Rolim eher die kraftvolle Geste und nicht die feinem Klang nachspürende Reflexion.  Ein anregender und spannender Abend, den man so wohl noch nicht erlebt hat.

Der Ferrari unter den Klavieren

Steinway Die Stadt Göppingen besitzt einen Steinway-Konzertflügel des Typs D mit einer Länge von 2,74 Meter. Dies ist weltweit Standard für professionelle Pianisten.  Der Typ D zeichnet sich  aus durch großes Tonvolumen. Das ist wichtig in großen Sälen und bei Orchesterbegleitung. Er hat eine große dynamische Bandbreite und klingt in allen Registern ausgeglichen. Er wird in einem speziellen Raum aufbewahrt bei exakter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Zum Konzert wird er auf die Bedürfnisse des Pianisten eingestellt und gestimmt.