In der nördlichsten Stadt der Welt, der 2500-Einwohner-Kommune Longyearbyen auf Spitzbergen, sind die Menschen Eisbären eigentlich gewohnt. Ohne Gewehr und Signalpistole verlässt niemand die Siedlung. Dass sich der König der Arktis allerdings mitten ins Stadtzentrum verirrt, kam in den vergangenen Jahrzehnten nie vor. Ein sieben Jahre alter, männlicher Bär ist nun gleich vier Mal in und außerhalb von Longyearbyen aufgetaucht. Dadurch wurde er für die Gouverneurin zu einem Problembären – das eigentlich streng geschützte Tier wurde an Neujahr um vier Uhr morgens erschossen. Begründung: Es sei kein Tierarzt vor Ort gewesen, um den Bären zu betäuben, zudem habe es wegen der Feiertage nicht genug Personal gegeben, um Bärenwachen aufzustellen.

Für weltweite Aufregung hatte im Juli 2018 der Fall eines anderen Eisbären auf Spitzbergen gesorgt, der einen Tourguide eines deutschen Kreuzfahrtschiffes bedroht hatte und daraufhin erschossen wurde. Der Reederei brachte der Fall einen riesigen Shitstorm im Netz ein. Immer wieder werden die Raubtiere erschossen, wenn sie Menschen zu nahe kommen und sich nicht vertreiben lassen. Dass sich nun ein Bär bis nach downtown Longyearbyen vorgewagt hat, ist allerdings neu.

Nicht wegen einer Notsituation getötet

„Der Eisbär wurde nicht aufgrund einer Notsituation getötet“, aber da es ihn immer wieder in Richtung Longyearbyen zog, habe er eine Gefahr für die Menschen in der Stadt dargestellt, wird Gouverneurin Kjerstin Askholt in einer Pressemitteilung der norwegischen Verwaltung des Archipels, Sysselmannen, zitiert. Es seien „viele Versuche“ unternommen worden, das Tier zu vertreiben. Das größte Problem stellte laut Askholt die Polarnacht dar: Weil es von November bis Februar rund um die Uhr stockdunkel ist, sei es schwierig die Übersicht zu behalten, derzeit herrschen zudem Temperaturen von bis zu minus 20 Grad.

Es gebe auch nicht genügend personelle Ressourcen, um sich 24 Stunden am Tag um den Bären und den Schutz der Bevölkerung zu kümmern, stellte die Gouverneurin klar. Auch sei es nicht möglich gewesen, den Bären zu betäuben und mit dem Hubschrauber in ein entferntes Gebiet auszufliegen – an den Feiertagen war niemand mit den entsprechenden Fähigkeiten in Longyearbyen, erklärte Askholt.

Mit dem Hubschrauber vertrieben

Zum ersten Mal war das Tier am 26. Dezember um fünf Uhr morgens im Zentrum von Longyearbyen gesichtet worden. Insgesamt vier Mal war der Bär aufgetaucht und wurde immer wieder mit einem Hubschrauber vertrieben. Der Plan war, dass er über den Longyeargletscher auf eine Hochebene läuft und sich von dort in Richtung der menschenleeren Ostküste aufmacht. Doch der Eisbär hatte wohl eigene Pläne. Am Mitttwochmittag vermeldete der Sysselmannen dann kurz und knapp: „Der Eisbär wurde heute um vier Uhr im Hanaskogtal erschossen.“

Dies sorgte im Netz für teils harsche Reaktionen. In der Facebook-Gruppe, in der sich die Einwohner und regelmäßigen Besucher von Longyearbyen organisieren und austauschen, reichen die Kommentare von Empörung bis Zustimmung. „Bitte redet nicht von Spitzbergen als einer nachhaltigen Destination“, schreibt eine Frau aus Longyearbyen. Und weiter: „Es ist alles Fake. Einen Bär zu töten, obwohl keine Notsituation vorlag, ist einfach nicht akzeptabel.“ Ganz anders sieht das ein Mann aus der arktischen Siedlung: „Lob an Sysselmannen und alle anderen Beteiligten, die einen guten Job gemacht haben, um diesen neugierigen Teddybären aus der Stadt fernzuhalten. Sie haben eine schwere Entscheidung getroffen, aber er war entschlossen, wiederzukommen.“

Kritik vom Experten

Scharfe Kritik an den Behörden kommt vom norwegischen Eisbären-Experten und Buchautor Morten Jørgensen. Gegenüber der norwegischen Online-Zeitung „Barents Observer“ sagte er, dass ein „grundlegend anderer Ansatz“ erforderlich sei: „Das momentane Eisbärenmanagement auf Spitzbergen basiert auf Angst und Arroganz. Angst vor dem Bären anstelle von Verständnis und Respekt – und Arroganz, die in allen Aspekten des Benutzens von Waffen liegt.“