Göppingen Prozess gegen drei Neonazis geplatzt

Polizisten überwältigen im März 2013 einen Neonazi in der Göppinger Fußgängerzone: Er hatte zuvor einen Infostand des Vereins "Kreis Göppingen nazifrei" angegriffen.
Polizisten überwältigen im März 2013 einen Neonazi in der Göppinger Fußgängerzone: Er hatte zuvor einen Infostand des Vereins "Kreis Göppingen nazifrei" angegriffen. © Foto: Privat
Göppingen / DIRK HÜLSER 07.03.2014
Kommende Woche hätte ein Überfall dreier mutmaßlicher Neonazis vor dem Amtsgericht verhandelt werden sollen. Der Prozess ist erst einmal geplatzt.

Es hatte eine friedliche Veranstaltung des Bündnisses „Kreis Göppingen nazifrei“ werden sollen: Am 2. März vergangenen Jahres wurde die Aktion „Roter Teppich für Toleranz“ vor dem Göppinger Rathaus durch mehrere mutmaßliche Neonazis gestört, die Angreifer attackierten die friedlichen Demonstranten und verletzten dabei zwei Lokalpolitiker der Linken. Sie scheuten sich auch nicht, im Drogeriemarkt Müller einen Mann anzugreifen, der Fotos machen wollte. Die Täter konnten schließlich von der Polizei überwältigt werden.

Drei Männer hätten sich am kommenden Freitag vor dem Göppinger Amtsgericht wegen des Überfalls verantworten sollen, doch der Prozess ist vorläufig geplatzt. Wie ein Gerichtssprecher sagte, sitze einer der Angeklagten seit wenigen Tagen in Untersuchungshaft und ein wichtiger Zeuge sei im Urlaub. Eine neue Verhandlung soll nun im Mai anberaumt werden.

Einer der Angeklagten ist bei der Polizeiaktion am 26. Februar verhaftet worden, als insgesamt 19 Wohnungen der „Autonomen Nationalisten Göppingen“ durchsucht wurden. Vier Männer wurden festgenommen, insgesamt ermittelt die Polizei gegen 18 Beschuldigte wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Bei dem Verhafteten, gegen den wegen des Überfalls vom 2. März 2013 verhandelt werden soll, handelt es sich offenbar um einen Handwerker aus Eislingen, der dort einen eigenen Betrieb führt. Er soll auch Mitglied der rechtsextremen Band „Heiliger Krieg“ sein, die wiederum zum Teil aus Mitgliedern der verbotenen Gruppe „Race War“ („Rassenkrieg“) besteht. „Race War“ ist neben „Landser“ eine der beiden deutschen Bands, die von der Justiz als kriminelle Vereinigung eingestuft wurden. Die Band aus Schwäbisch Gmünd wurde verboten, die vier Mitglieder vom Landgericht Stuttgart 2006 zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Ein weiterer der vor dem Amtsgericht Göppingen angeklagten Männer wohnt offenbar in Geislingen, ist gebürtiger Göppinger. Der dritte lebt in Deizisau (Landkreis Esslingen), auf seiner Facebook-Seite gibt er sich als Fan der Rechtsrock-Band „Noie Werte“ zu erkennen. Die Gruppe genießt Kultstatus in Neonazi-Kreisen und hat sich nach eigenen Angaben 2010 aufgelöst. Zwei ihrer Songs nutzte die Terrorgruppe NSU zur Untermalung eines Bekennervideos. Der Kreis zum Angeklagten schließt sich, wenn man den Namen seines Rechtsanwalts auf der Tagesordnung des Amtsgerichts liest: Steffen Hammer. Laut Wikipedia war er seit 1988 Sänger und Kopf von „Noie Werte“. Hammer gilt als einer der bekanntesten Verteidiger von Mitgliedern der rechtsextremistischen Szene in Deutschland, seine Kanzlei ist in Stuttgart.

Hammers Kanzlei-Kollege heißt Alexander Heinig, er vertritt in Göppingen den Eislinger Handwerker. Auch Heinig hat in Bands gespielt, laut Recherchen des Journalisten Thomas Kuban soll er bei „Noie Werte“ ausgeholfen haben und Gründer von „Ultima Ratio“ gewesen sein, diese Band wird dem verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerk zugerechnet. Heinig und Hammer waren gemeinsam in einer Kanzlei mit Nicole Schneiders tätig – die verteidigt den Angeklagten Ralf Wohlleben im NSU-Prozess.