Im Göppinger Rathaus weiß man von nichts. "Über die üblichen Informationskanäle ist mir hierzu noch nichts zugegangen", schrieb der zuständige Fachmann in dieser Woche an den Stadtrat Wolfgang Berge. Der hatte von der Verwaltung wissen wollen: "Sind detaillierte Trassenüberlegungen bekannt?" Die Anfrage des ehemaligen Geschäftsführers der Energieversorgung Filstal (EVF) bezieht sich auf Pläne der ENBW-Tochter Transnet BW. Die will gemäß des Netzentwicklungsplans Strom 2012 eine neue Höchstspannungsleitung - 380 Kilovolt (kV) - vom Umspannwerk Goldshöfe bei Aalen über Schwäbisch Gmünd-Lindach nach Bünzwangen bauen.

Der genaue Trassenverlauf ist noch nicht bekannt, er soll sich aber innerhalb eines zehn Kilometer breiten Korridors um die direkte Verbindung zwischen den drei Orten bewegen. Die 380-kV-Leitung könnte dann im Landkreis die Schurwaldgemeinden Wäschenbeuren, Adelberg, Börtlingen, Birenbach, Rechberghausen oder Wangen tangieren aber auch Uhingen oder westliche Teile der Göppinger Gemarkung. Auf jeden Fall betroffen sein wird Ebersbach, denn der Endpunkt der Leitung ist das Umspannwerk Bünzwangen, das zwischen dem Teilort und Albershausen liegt. Mit der Leitung soll im Zuge der Energiewende Strom von Windkraftanlagen in Norddeutschland in den windärmeren Süden transportiert werden.

Im Ostalbkreis regt sich bereits Protest, im Kreis Göppingen ist nahezu nichts über die Pläne bekannt - dabei will Transnet BW bereits im Januar in die Bürgerbeteiligung einsteigen. Eine einzige Infoveranstaltung fand dieser Tage statt, dazu waren Vertreter einiger betroffener Kommunen nach Böbingen eingeladen worden. Darüber informierte Bürgermeister Franz Wenka jetzt seinen Gemeinderat. Fazit der Veranstaltung laut Wenka: Die Anregungen und Bedenken der Gemeindevertreter möchte Transnet BW "in eine Neustrukturierung des Beteiligungskonzepts" einbinden. "Die beteiligten Partner werden im Januar 2013 eine neue Zeitplanung erhalten." Wenka kritisiert die Informationspolitik des ENBW-Tochterunternehmens: "Die haben mit keinem Schriftstück die Gemeinden informiert. Sie haben jetzt von allen Seiten gesagt bekommen: Stellt Euch das nicht so einfach vor."

Bislang sieht der Zeitplan vor, dass im Januar vier Infoveranstaltungen stattfinden sollen, zu denen jeweils 60 Teilnehmer eingeladen werden - zum Teil per Los bestimmt. Außerdem plant Transnet BW noch eine weitergehende Bürgerbeteiligung und hat den Anwesenden in Böbingen mitgeteilt: "Damit trotzdem jeder die Möglichkeit hat, sich in gleicher Weise an der öffentlichen Trassensuche zu beteiligen, würden wir gerne Pläne bei Ihnen in den Städten und Gemeinden auslegen. Jeder hätte so Gelegenheit, sich einen Plan abzuholen und in selbstständiger Arbeit eine Trasse einzuzeichnen. Die ausgefüllten Pläne könnten dann an Transnet BW zurückgeschickt werden."

In einem geharnischten offenen Brief an den Transnet-Geschäftsführer Rainer Joswig kritisiert der Schwäbisch Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold das Vorgehen: "Ein entscheidender Kritikpunkt von uns ist die Auswahl der Teilnehmer an den vier Trassierungswerkstätten per Losentscheid. . . . Die parallele Auslage der Unterlagen in den Rathäusern ist kein gleichwertiger Ersatz. . . . Die Menschen möchten, dass ihre Sorgen ernst genommen werden." Arnold fordert deutlich mehr Infoveranstaltungen, die jedem Bürger offenstehen sollen.

Dass die Trasse kommen wird - in welcher Form auch immer -, ist sicher, festgelegt wurde dies im "Energieleitungsausbaugesetz". Transnet BW rechnet mit einem Baubeginn um 2017/18 und der Fertigstellung im Jahr 2020.

"Reibungen mit dem Schutzgut Mensch"

Vier Netzbetreiber sind für die Höchstspannungsleitungen (220 bis 380 Kilovolt) in Deutschland verantwortlich. Neben der ENBW-Tochter Transnet BW sind dies Amprion, 50 Hertz und Tennet.

Gemeinsam mit der Bundesnetzagentur haben die vier Betreiber als Antwort auf die Atomkatastrophe von Fukushima den Netzentwicklungsplan Strom 2012 ausgearbeitet. Auf Basis des Plans soll der Transport von Strom aus Offshore-Windparks in Deutschlands Süden ermöglicht werden.

Zur Trasse zwischen Goldshöfe und Bünzwangen heißt es in dem Plan: "Aufgrund der Überquerung der schwäbischen Alb kommt es einerseits zu Reibungen mit natur- und landschaftsschutzrechtlichen Anforderungen, anderseits kommt es aufgrund der hohen Besiedlungsdichte entlang des Trassenverlaufs zu Reibungen mit dem Schutzgut Mensch."